Aufklärungsserie: Das ist Tai Chi Gung - Teil 15/15
Von tai chi gung-User | 6. Jul 2009 um 09:59 in Fitness | Kommentare (0)
© tai chi gung-User
Für viele Menschen in der westlichen Welt stellen die chinesischen Bewegungskünste nach wie vor exotische Betätigungen und Begriffe dar. Allzu leicht geschieht es dabei, dass mangels besserem Wissen manches sozusagen in die gleiche Schublade gelegt wird. Nur zu gern wird dann modischen Strömungen gefolgt - oder solchen, welche es sein wollen - ohne zu hinterfragen, ob das eigene Interesse und die eigene Entwicklung hierdurch überhaupt gefördert wird.
Es erscheint daher notwendig festzuhalten, dass es einen Unterschied zwischen Qi Gong (Chi kung, manchmal auch: Ch'i kung) - sprich: "tschi gung" und Tai Chi gibt und ebenso wichtig ist es dabei darzustellen, worin dieser besteht.
Wie wir der geschichtlichen Betrachtung als auch der Stilübersicht entnehmen konnten, besteht mehr Zusammenhang zwischen den Künsten der Lebensverlängerung (TCM - der Traditionelle Chinesische Medizin, dem "Yangsheng" mit seinem "Chi kung"), dem (bis heute verschwiegenem tatsächlichem) Training der Shaolin-Mönche und dem Praktizieren von Tai Chi, als mancher gerne wahrhaben möchte.
Wir konnten bei dieser Gelegenheit mehr als einmal lesen, dass das Bestreben mancher ursprünglich neu entwickelter Tai Chi - Stile darin bestand, die jeweils bekannten und erlernten Künste in eine einzige "Kunstform", also in einen einzigen "Stil" zusammenzuführen. [Anmerkung: Hierzu sollten wir in unseren Überlegungen neben TCM, Shaolin-Praxis und "vorhandenes Tai Chi" durchaus auch Kalligraphie, Poesie und Malerei mitberücksichtigen - wobei diese Verbindungen sich erst dem Fortgeschrittenen und nach tiefergehendem Studium erschließen.]
Historisch betrachtet, ist die Traditionelle Chinesische Medizin
(kurz: TCM) das wohl älteste bekannte System zur Pflege und Erhaltung
der Gesundheit und wurde vor über 5000 Jahren in China begründet...
Exkurs:
Nur um eine Vorstellung für uns Europäer zu erhalten - dieses
chinesische System zur Pflege und Erhaltung der Gesundheit wurde also
zu jener Zeit begründet, in welcher wir hierzulande gerade die
Jungsteinzeit erlebten - man stelle sich vor: also in der Zeit des
"Ötzi"!
Dem sagenumwobenen und legendären Gelben Kaiser (ca. 2696 - 2598 vor Christus) wird traditionell ein Hauptwerk ("Die Medizin des Gelben Kaisers") zugeschrieben, welches vermutlich aber erst um 200 vor Christus verfasst wurde und auch heute noch als eine der wichtigsten Schriften des TCM in chinesischen Universitäten und Kliniken gilt.
Die TCM nennt fünf Behandlungsmethoden: die Akupunktur und Moxibustion, Tuina (manuelle "Eingriffe", wie z.B. Akupressur), Arzneimittel (Heilkräuter und Mineralstoffe), Ernährungsrichtlinien und Bewegungen mit bestimmten Atemtechniken und Konzentrationsübungen - also das Praktizieren von Chi Kung (Qi Gong)... oder später auch Tai Chi (Chuan).
Der Begriff "Qi Gong" wurde in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts geschaffen. Wenn wir heute von Qi Gong sprechen, so meinen wir die grundlegenden Übungen, welche aus der "Pflege des Lebens" ("Yangsheng") entstanden sind und deren Ausübung davor auch "Chi Kung" bezeichnet wurde.
Vorwiegend waren dies Einzelübungen, welche zur Erzielung bestimmter Heilungserfolge oder zur Erhaltung bestimmter (positiver und "gesunder") Zustände im Körper des Menschen dienten.
Um alle Körperregionen, alle Chi-Formen und Chi-Flüsse im Körper, zu berücksichtigen, musste man eine beachtliche Anzahl unterschiedlicher Übungen nacheinander durchführen. Wollte man diesen Aufwand nicht betreiben, so gab es als Alternative dazu nur die Möglichkeit, sich genauestens zu informieren, welche Übungen man gerade jetzt "nötig" hatte. Dies bedeutet aber, dass man hierzu entweder jedes Mal einen Meister der Heilkunst ("Arzt") aufsuchen musste, oder bestenfalls selbst Meister darin wurde.
Aus diesem Grunde wurden im Laufe der Zeit ebenfalls verschiedene Qi Gong - Übungssysteme zusammengestellt, welche bestimmte zu erreichende (körperliche) Ziele in Übungsgruppen zusammenfassen sollen. Man könnte hierbei fast von "Qi Gong-Stilen" sprechen, was aber nur teilweise stimmt, denn die Übungssysteme dienen unterschiedlichen Zwecken und Anwendungen.
Zusammenfassend gesagt, beschäftigen sich Qi Gong-Übungen vorwiegend mit den körperlichen, gesundheitlichen Aspekten des Körpers und fußen auf den Erkenntnissen der TCM. Für den westlichen Menschen und Laien ist eine exakte Trennung zwischen einer Tai Chi-Übung und einer Qi Gong-Übung oft gar nicht so einfach und liegt manchmal sogar nur in der Sichtweise des Publizierenden, bzw. welchen "Hintergrund" dieser hat.
Aufgrund dessen, was wir bisher erfahren konnten, dürfen wir also festhalten, dass das - spätere - Entstehen der Stile des Tai Chi, die Ergebnisse der Bemühungen darstellen, eine umfassende, sozusagen "universelle" Bewegungskunst
zu erschaffen, welche nahezu in einer Übungsfolge (der sogenannten
Form) alle (dem jeweiligen Begründer) bekannten Körperkünste
zusammenfassten.
Qi Gong zielt mit (relativ) unabhängigen Einzelübungen darauf ab,
gewisse körperliche Reaktionen (Stärkung, Aufbau, Gesundung, ...) zu
erreichen. Tai Chi (Chuan) vermittelt eine (universelle)
"Übungs-Reihe", die "Form", welche im Laufe der Übungspraxis vom
Trainierenden schlussendlich (im Laufe der Jahre!) in eine
individuelle, einzigartige und absolut persönliche "Übungsfolge" (die
"losgelöste" Form) münden kann.
Da das Praktizieren von Tai Chi und regelmäßiges Üben einer
(traditionellen) Form automatisch alle wichtigen Elemente der Qi Gong -
Technik(en) beinhaltet, könnten wir auch jenen tabellarischen Vergleich
aufstellen, welcher auf der Homepage des Vereines zu finden ist und Qi
Gong somit als "Heilgymnastik für einen bestimmten (therapeutischen) Zweck" dem "Sport Tai Chi (Chuan)" bzw. der "Sportart Tai Chi Gung" gegenüberstellt.
Tai Chi zielt also darauf ab, jeden Bereich der menschlichen
Existenz - nicht nur den Gesundheitlichen, oder Meditativen - zu
erreichen und hierzu zählt ebenso gleichwertig der Kampf, die
Kampfkunst.
Auch wenn es manchem Zeitgenossen nicht mehr nötig erscheint, sich
darin zu üben, weil er als zivilisierter Mensch (scheinbar) keine
"äußeren" Kämpfe mehr austragen muss, so verweise ich darauf, dass der
Kampf ein ganz natürlicher und ständiger Begleiter in unserem Leben
ist, welches nur allzu gern "verdrängt" anstelle sinnvoll "sublimiert"
oder an geeigneter Stelle ausgelebt wird.
Man denke nur daran, dass auch Aggression ein ständiger Begleiter
unseres Lebens ist, auch in unseren "friedlichen" Ländern. Die
Problematik hierbei ist weniger das Auftreten dieser Gemütslage, als
viel mehr der "falsche Umgang" und das "falsche Abreagieren", welche
hierbei die Gefahr darstellen. Unabhängig davon, dass man generell
selbst zum Opfer werden könnte, wozu der Selbstverteidigungsaspekt
zweifellos präventiv schon sinnvoll erscheint.
Meiner Meinung nach scheitern viele Tai Chi - Schulen im Westen daran,
dass diese den Aspekt der Kampfkunst auszublenden suchen und Tai Chi
alleinig als "lieb" und "nett" und als "Beruhigende Meditation" zur
Stressbewältigung oder als sonstiges "Esoterisch-Streichelzartes"
darzustellen versuchen.
Dabei haben wir uns ständig irgendwelchen Kämpfen, in und um uns, zu
stellen, auch wenn diese nicht so offensichtlich scheinen: das Ringen
mit Zwängen, Ängsten, Bedürfnissen und Leidenschaften; der
Erfolgsdruck; das Abwägen zwischen Durchsetzungsvermögen,
Durchhaltevermögen und Nachgeben, bzw. Aufgeben/Loslassen usw. Sowie
selbstverständlich auch in den Konflikten im Umgang mit anderen.
Gerade der Kampfkunst-Aspekt in Tai Chi gibt uns die Möglichkeit, diese
Kämpfe, in uns und um uns, besser wahrzunehmen, diese neu und auch
anders als bisher gewohnt zu bewerten und somit auch die Chance, diesen
nun völlig anders, als mit purer Gewalt (Aggressivität nach außen
gerichtet) oder Selbstzerstörung (Aggressivität nach innen gerichtet)
Herr zu werden.
Tai Chi Gung könnte einen wesentlichen und wichtigen Beitrag zur Aggressionsbewältigung bei Jugendlichen leisten, wenn es gelingt, den Kampfkunst-Aspekt für diese Altersgruppe wieder sichtbar zu machen.
...Ende der Serie...
mehr zum Verein unter www.tai-chi-gung.at
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