Aufklärungsserie: Das ist Tai Chi Gung - Teil 14/15
Von tai chi gung-User | 27. Jun 2009 um 11:48 in Fitness | Kommentare (0)
© tai chi gung-User
Ein wichtiger Unterschied von Tai Chi zu anderen Sportarten ist, dass man sich im Grunde nicht gesondert aufzuwärmen bräuchte. Die Aufwärmübungen, welche meist in Kursen angeleitet werden, dienen vor allem den Anfängern zur Vorbereitung. Hierbei erlernt man von guten Trainern auch einige Qi Gong - Übungen, welche bei Bedarf und Wunsch jederzeit separat eingesetzt werden können. Sobald eine Form beherrscht wird, kann diese aufgrund der bereits ausgebildeten körperlichen Fähigkeiten jederzeit ohne gesonderte Vorbereitung geübt werden.
So empfehlen die Chinesen beispielsweise, "die" Tai Chi Form (also eine) täglich dreimal zu durchlaufen:
- der erste Durchgang dient dem Aufwärmen,
- der zweite Durchgang dient der Gesundheit und dem Wohlergehen, und
- der dritte Durchgang dient der Perfektion
Im Tai Chi werden drei Trainingsarten genannt, in der "die Form" geübt wird: die Einzelübung, die Partnerübung und die Waffenübung.
Die Einzelübung
manchmal auch "Soloform" genannt, ist die im Westen bekannteste
Trainingsform. Es ist ein Übungsablauf der allein durchgeführt wird.
Die Abfolgelängen und der Schwierigkeitsgrad der Übungen ist sehr
unterschiedlich. Die traditionellen Übungsanleitungen der
unterschiedlichen Stile (s.d.a. vorangegangene Berichte) beinhalten oft
mehr als hundert Bewegungen, welche kombiniert mit Schritt- und
Drehungsfolgen miteinander verbunden werden. Damit diese Formen auf
traditionelle (taoistische Weise) erlernt werden können, werden oft
mehrere Jahre der Anleitung als notwendig genannt.
Die Partnerübung
(manchmal auch mit dem in Englisch belassenem Begriff "push hands"
bezeichnet) wird im Westen bedauerlicherweise vielfach vernachlässigt,
da angeregt durch die Selbstfindungs- und Gesundheitswellen, in der
Öffentlichkeit das Hauptaugenmerk von Tai Chi auf die Einzelübung
gelenkt wurde. Daher sind sicherlich noch sehr viele Menschen im Westen
der Meinung - so wie ich früher auch! - dass die Ausübung von Tai Chi
(in der Einzelübung) nichts weiter als eine chinesische Form von
(Gesundheits-)Yoga wäre.
Auch scheint die irrige Meinung vorzuherrschen, dass Übungen (bzw.
Einzelbewegungen) "der Form" in den Trainingsarten voneinander
abweichen müssten. Dies ist nicht unbedingt der Fall. Die bekanntesten
Beispiele sind Übungen der Yang-Stile, welche sowohl als Einzel- als
auch als Partnerübung zu trainieren sind.
Die Partnerübung gilt dabei verständlicherweise als nachfolgende Stufe
zur Einzelübung. Denn zuerst müssen die Abläufe beherrscht werden,
bevor diese danach auch im Zusammenspiel mit einem Anderem geübt werden
können.
Die chinesischen Meister sagen:
"In der Einzelübung der Form erlernst Du den Umgang mit Dir selbst, in der Partnerübung lernst Du den Umgang mit allem anderen."
Folgt man den Beschreibungen über den Zweck und das "Lernverhalten"
einer der jüngsten Entdeckung der Gehirnforschung, der sogenannten
"Spiegelneuronen", so könnte man zu dem Schluß gelangen, die alten
chinesischen Meister hätten die Partnerübungen genau zum Training jener
Gehirnareale erfunden!
Die Partnerübungen ("push hands") in Tai Chi dienen in erster Linie
nicht nur dazu, dass die Grundlagen zur Selbstverteidigung erarbeitet
werden, sondern die Wahrnehmung der Umwelt und des Gegenüber gestärkt
und geschult wird (Mustererkennung, Empathie und erhöhte
Aufmerksamkeit).
Die neueste Gehirnforschung scheint somit nun zu bestätigen, was
chinesische Überlieferungen in andere Worte und Bezeichnungen gefasst
haben: in der Partnerübung erfahren wir erst die Wirkung von "chin"
(die wesentliche, innere Kraft und Energie) auf unsere Umwelt, im
Gegensatz zur Anwendung von "li" (der Muskelkraft, die "schwerfällige
Kraft").
Die mit der Praxis der Einzelübung sich langsam steigernde "erhöhte
bzw. erweiterte Aufmerksamkeit", welche "ting chin", "die hörende
Energie" , genannt wird, findet ebenfalls seine Erweiterung durch
Einbeziehung eines Gegenübers. Hier können dann auch die Fähigkeiten
"tung chin" (= "verstehende Energie") und "peng chin" (= "abwehrende
Energie") ausgebildet werden.
Die Waffenübung
Prinzipiell: Die Übungen mit Waffen sollte gesondert und für Fortgeschrittene gesehen werden.
Hierbei erfolgt das Training traditionell mit dem Schwert, dem Säbel
oder dem langen Stock und es werden ebenfalls Einzelübungen und
Partnerübungen unterschieden.
Beide Arten der Übung mit Waffen erfordern ein wesentlich höheres Maß
an Aufmerksamkeit und Koordinationsfähigkeit vom Praktizierenden. Die
Waffenübung stellt eine weitere Herausforderung für den Lernenden dar
und bietet damit eine Erweiterung und Vertiefung der Bewegungskunst des
Tai Chi.
Neben dem (durchaus) kriegerischen Aspekt - oder wer es lieber mag: dem
Selbstverteidigungsaspekt - bietet die Waffenübung beispielsweise die
Schulung der Konzentration, der Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit,
sowie die mentale (Selbst-)Beherrschung, wie dies auch das westliche
Sport-Fechten zu leisten vermag. - Aber eben unter Gesichtspunkten der
Lehre von TAI CHI.
Mit Waffen zu üben bedeutet, den eigenen Körper um ein Werkzeug zu
erweitern und dieses so in die Bewegungsabläufe zu integrieren, dass
dieses sozusagen "Bestandteil" der bereits ausgeprägten Sinne (z.B.
"ting chin") und Fähigkeiten (der Energiewandlung, wie "chin") wird.
Unabdingbare Voraussetzung hierfür sind die einwandfreie Beherrschung der waffenlosen Einzel- und Partnerübungen.
Die "Erweiterung des eigenen Körpers durch ein Werkzeug" umfassen
beispielsweise auch Übungen mit einem Fächer oder die neueste aus China
(2005) stammende Idee: mit Schläger und Ball.
...Fortsetzung folgt...
mehr zum Verein unter www.tai-chi-gung.at
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