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Natur mit Linksdrall

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Mit großem Interesse habe ich den Artikel in der Ausgabe vom 16.8.2008 zum Thema "Rechts/Links" gelesen. Es war interessant, einmal näher über die Wurzeln und die Bedeutungsverflechtung der Worte nachzudenken.

Im Artikel "Natur mit Linksdrall" ist Ihnen dann aber die Begeisterung ein wenig durchgegangen. Hier haben Sie entweder schlecht recherchiert, oder einfach aus dem Bauch heraus, aus "eigener Erfahrung" berichtet. Sobald man aber der Natur gewisse Eigenschaften zuschreibt, sollte das schon auch wissenschaftlich begründbar sein, anderenfalls führt das nur zur Mystifizierung und Verbreitung von Aberglauben und Halbwissen.

Zitat:
"Der schlechten Publicity zum Trotz hat die Natur eine eindeutige Linksvorliebe:"

Begründet wird das mit

Zitat:
"Die Planeten ziehen ihre Bahnen links herum um die Sonne"

Hier begehen Sie zwei Kardinalfehler. Zum Einen wird hier "links herum" überhaupt nicht definiert. Sie gehen stillschweigend davon aus, dass "rechts herum" die Drehrichtung ist, die die Uhrzeiger unserer häufigsten analogen Uhren vollführen. Bei Sonnenuhren beispielsweise, bewegt sich der Schattenzeiger "gegen den Uhrzeigersinn" - zumindest auf der Nordhalbkugel, wenn die Sonnenuhr gegen Süden gerichtet ist, in Australien ist das wieder genau anders herum.
Ob das nun als "rechts" oder "links" bezeichnet wird, kann man möglicherweise über die "Zweitbedeutung" als "richtig herum" noch erklären. Technisch gesehen wäre "hinauf" oder "hinunter" genau so korrekt, da bei einer drehenden Bewegung keine Seite bevorzugt wird.

Gemeint ist wohl, dass sich ein Punkt auf dem Umfang bei der Drehung bei der Betrachtung "nach rechts", also zur rechten Körperseite hin bewegt. Das ist dann der Fall, wenn wir die "obere" Seite des Kreises betrachten, wobei "oben" die Richtung ist, die dem Kopf näher ist als den Füßen und uns vermutlich aus diesem Grund wichtiger erscheint als alle anderen Richtungen.

Der zweite uns schlimmste Fehler ist, dass Sie Ihren persönlichen Orts-Standpunkt auf unser Sonnensystem übertragen und ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das die einzige und "richtige" Art ist, das zu betrachten. Richtig ist: Wenn Sie als Bewohner der Nordhalbkugel den Nordpol als "oben" betrachten, von dort in die Weite des Alls vordringen, sich umdrehen und das Sonnensystem von diesem Standpunkt aus betrachten, dann bewegen sich die (unsere) Planeten "links herum". Starten Sie Ihre Rakete aber von der Antarktis aus, bewegen sich unsere Planeten "rechts herum".

Gerade in der Astronomie gibt es keine bevorzugte Richtung. "Oben" und "Unten" verlieren völlig die Bedeutung. Das sind Begriffe, die die Schwerkraft uns Erdenbürgern aufprägt, wobei "unten" jeweils die Richtung zum Masseschwerpunkt der Erde bezeichnet. Es mag sie vielleicht überraschen, aber die Australier empfinden Ihren Lebensraum nicht als "down under" oder müssen sich Kopf über an der Erde festkrallen. Es ist eher die kulturelle Arroganz der Europäer und Amerikaner, den persönlichen Standpunkt dem Universum aufzuzwingen und alles andere als "falsch herum" zu definieren. Es sind also nicht die Bahnen der Planeten, die links herum laufen, sondern wir von einem Standpunkt nördlich des Äquators empfinden das so.

Zitat:
"Das Herz sitzt links"

Das ist eine verbreitete Annahme, anatomisch aber völlig inkorrekt. Das Herz sitzt in der Mitte des Körpers, genau zwischen Brustbein und Wirbelsäule. Deshalb kann man bei Herzstillstand durch Druck auf das Brustbein den Blutkreislauf in Bewegung halten. Ein Blick auf ein anatomisches Bild des Menschen hätte diesen Fehler vermeiden können. Die "linke" Herzhälfte pumpt Blut in die Organe und Muskeln und ist etwas muskulöser als die linke Herzhälfte, die das Blut in die Lunge pumpt und weniger Druck aufbringen muss. Entsprechend ist die "linke Schlagader", die Aorta auch kräftiger ausgebildet. Hier bezeichnen wir "links" und "rechts" aus dem Blickwinkel des eigenen Körpers. Für den untersuchenden Arzt liegt die kräftigere Herzseite des Patienten auf der vom Arzt betrachtet "rechten" Seite. Selbst hier bezieht sich "rechts" und "links" auf einen von Ihnen nicht näher bestimmten Standpunkt der Betrachtung.

Zitat:
"alle 20 Aminosäuren sind bei fast allen Lebewesen linksdrehend"

Hier sollte hier einmal klar gestellt werden, WAS hier links dreht, denn die Moleküle sind es nicht und es macht auch keinen Unterschied, ob man sein Joghurt "links herum" oder "rechts herum" rührt.
Viele Moleküle sind unsymmetrisch und können in zwei unterschiedlichen räumlichen Anordnungen ihrer Atome vorkommen, die durch beliebige Drehung (des Moleküls) nicht zur Deckung gebracht werden können. Sie sind spiegelbildlich, etwa wie die linke und rechte Hand. Wenn man nun durch eine solche Substanz linear polarisiertes Licht schickt, dann ändert sich die Ausrichtung der Polarisationsebene dieses Lichts. Das kann gegen den Uhrzeigersinn erfolgen (betrachtet von der Richtung von der Lampe zum Empfänger) dann sprechen wir von "linksdrehend" oder auch im Uhrzeigersinn. Dann sprechen wir von "rechtsdrehend".
Die Betrachtungsweise ist übrigens willkürlich gewählt. Man hätte mit gleichem Recht auch messen können, wie sich die Schwingungsebene verändert, wenn wir das aus der Probe austretende Licht "von vorne" betrachten, also durch die Probe durch und in Richtung der Lichtquelle. Dann wären nämlich "alle 20 Aminosäuren sind bei fast allen Lebewesen rechtsdrehend".

Neben den Aminosäuren gibt es in der Biologie noch eine Reihe anderer unsymmetrischer Moleküle, die dadurch ebenfalls die Schwingungsebene des linear polarisierten Lichtes beeinflussen: verschiedene Zucker (etwa die Glucose), Säuren (Milchsäure, Weinsäure, ..), Vitamine, ...
Eine generelle Bevorzugung der "links" drehenden Molekülen ist in der Natur nicht vorhanden. Während die meisten Aminosäuren (das polarisierte Licht) links drehen, ist es bei der (biologisch produzierten) Weinsäure genau anders herum. Bei der Milchsäure gibt es beide Varianten, wobei die rechtsdrehende für den Menschen leichter verdaulich ist - die Joghurt Werbung wird nicht müde uns wahre Wunderdinge zu präsentieren. Die Glucose ist auch ein wichtiges Molekül, das in der biologischen Form fast ausschließlich in der rechts drehenden Variante vorkommt.

Dass sich in unserer Biologie bei einigen Molekülen eine bestimmte räumliche Anordnung der Atome gegenüber ihres Spiegelbildes durchgesetzt hat, hat nichts mit "rechts" und "links" Vorliebe zu tun, sondern hat biochemische Gründe. Diese Moleküle werde einzeln aus anderen Teilen zusammengebaut, die durch die Nahrung aufgenommen werden, wo sie bereits in einer bestimmten Anordnung vorliegen. Auf diese Weise werden von einer Molekül Klasse immer wieder die gleichen Versionen hergestellt. Bei Aminosäuren eben zufällig die Variante, die das linear polarisierte Licht "links herum" dreht, bei der Glucose und bei der Milchsäure eben die andere Variante. Da die chemischen Eigenschaften der jeweiligen Spiegelbilder identisch sind, haben wir diese zufällige Auswahl von unseren weit entfernten Ahnen in der Ursuppe der Entstehung unseres Lebens geerbt. Bei der technischen Herstellung der jeweiligen Substanzen entstehen beide Varianten gleich häufig und gleichzeitig. Es gibt also keine natürliche Bevorzugung der einen oder anderen Variante.

Das obige Zitat ist in dem Sinn nicht falsch, wird aber aus dem Zusammenhang gerissen als Beweis für irgend eine Idee missbraucht. Man hätte durch Wahl einer anderen Molekülklasse genau so leicht das Gegenteil beweisen können. Zu guter Letzt ist die Eigenschaft "dreht die Ebene des linear polarisierten Lichtes" eine rein technische Beschreibung ohne jede Aussagekraft für die Biologie, da sie biologisch völlig irrelevant ist.

Zitat:
"Würde man einen Menschen in der Wüste aussetzen, würde er sich, mit ständigem leichten Linksdrall, schließlich im Kreis bewegen."

wäre korrekt, wenn Sie das so formulieren
"Würde man einen von Geburt an rechtshändigen Menschen in einer Gegend ohne optische Anhaltspunkte für die Richtung aussetzen, würde er sich in den meisten Fällen, durch die kräftigeren Schritte des bevorzugten rechten Beines, mit leichtem Linksdrall schließlich im Kreis bewegen".

Das ist auch der Grund dafür, dass praktisch alle Bahnen für Rennen gegen den Uhrzeigersinn verlaufen. Es ist für rechtshändige Menschen (die Mehrheit) leichter zu laufen. Die einzige Aussage, die Sie nicht getroffen haben ist, dass es unter den Menschen (und möglicherweise auch unter den Vögeln und Fledermäusen) mehr Rechtshänder als Linkshänder gibt. Alle anderen von Ihnen präsentierten "Beweise" hängen nämlich genau damit ursächlich zusammen. Da von einer "Vorliebe für links" zu sprechen, scheint mir ein wenig voreilig. Wäre hier nicht eher eine "Vorliebe für Rechtshändigkeit" korrekter?

Mir ist schon klar, dass man diese Dinge in gekürzter Form bringen muss, aber doch bitte so, dass der Wahrheitsgehalt nicht darunter leidet. Gerade die Unart, einzelne Wahrheits-Brocken aus dem Zusammenhang zu reißen, mit schwammigen (kurzen, einfachen) Begriffen zusammenzufügen und einen "leicht erkennbaren Zusammenhang" darzustellen, führt zur Verbreitung von Halbwissen, Mythen oder schlicht Unsinn. Der ganze Artikel hat mehr mit Numerologie zu tun - also der Idee so langen an Worten und Begriffen herumzudrehen bis das gewünschte Ergebnis herauskommt, als mit der Beschreibung der Natur.

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