Vernichtungsaktionen, wohin man schaut. Bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin, der IFA, hat der Zoll lastwagenweise Fernseher, MP3-Player und Autoradios beschlagnahmt. Den Herstellern fehlten die Patentrechte für die Geräte. Die funkelnagelneuen Ausstellungsstücke werden vermutlich im Schredder landen. Denn was nicht existieren darf, wird vernichtet. Auf dem Linzer Hauptplatz werden kommenden Samstag Gucci-Täschchen und Rolex-Uhren durch den Reißwolf getrieben. Tonnenweise gefälschte Markenartikel aller Art will die Ars Electronica in Kooperation mit dem Zoll vernichten, um auf die Absurdität des Copy & Paste-Zeitalters aufmerksam zu machen, in dem kopiert, verschoben und neu zusammengemixt wird.
So mancher Beobachter wird das als Auswuchs des Wohlstands abtun: Sind die Dinge nicht noch gut zu gebrauchen? Original und Fälschung, Geräte mit und ohne Patente nicht ohnehin gleich gut?
Drehen wir den Spieß um: In jeder Ware, die den Ansprüchen des modernen Menschen Genüge tut, steckt mehr Geld, als von außen sichtbar ist. Der deutsche TV-Gerätehersteller Loewe sagt, dass die Entwicklung eines neuen Modells, vom Material über die Elektronik bis zum Design, 100.000 Euro kostet. Das ist viel, doch verglichen mit neuen Medikamenten wenig. Hier sind es oft bis zu einer Milliarde Euro, die investiert werde müssen, bis ein neuer Wirkstoff gefunden, getestet und reif für den Markt ist. Lässt sich diese Summe später nicht verdienen, weil Trittbrettfahrer die Innovationen kopieren, hört sich jede Innovationsaktivität auf. Dann fehlt den Unternehmen der Anreiz, Kapital in die Entwicklung von etwas Neuem zu investieren.
Das trifft nicht nur große Konzerne, sondern auch den jungen Grafiker und die Webdesignerin von nebenan. Arbeitet der Grafiker mehrere Tage an einem neuen Firmenlogo für einen Auftraggeber, so muss er dafür auch Geld sehen, um von etwas leben zu können. Er kann nicht akzeptieren, dass sein Auftraggeber das Logo offiziell ablehnt und nichts bezahlt, seine Ideen jedoch dann einige Wochen später am Firmenschild sieht. Auch dabei handelt es sich um eine Vernichtungsaktion einer junge Existenz. Es fehlt an Bewusstsein dafür, dass geistig-schöpferische Leistungen etwas wert sind, mehr wert werden müssen. Denn die Zahl den Menschen, die davon leben, nimmt zu, weil sich in Hochlohnländern nicht mehr die Fließbänder, sondern nur noch kreative Werkstätten und Labors rechnen.
Deshalb ist es nicht schlecht, dass manchmal der Zoll zuschlägt und die Konsumenten in ihrem „Alles-möglichst-billig-haben-wollen"-Rausch stört. Im Reißwolf landet ohnehin nur ein Bruchteil der gefälschten Waren.

