Warum die Ausweisung hunderter Roma und Sinti aus Frankreich die Idee der europäischen Union in Frage stellt.
Ich war immer eine glühende Anhängerin eines geeinten Europa. Ich dachte, ein geeintes Europa wäre auch ein Europa der offenen Grenzen. Eine Chance für all jene, die bis dahin nicht reisen durften, nicht über den Tellerrand hinaussehen konnten. Ich habe mich offenbar geirrt. Oder doch nicht? Als der eiserne Vorhang fiel jubelte Westeuropa - und setzte gleich darauf eine ziemlich beleidigte Miene auf, als die Trabis und Wolgas und Schigulis aus den ehemals sozialistischen Nachbarländern über die plötzlich offenen Grenzen rollten und die Menschen, die wir - der Westen - angeblich so gerne befreien wollten, nun tatsächlich zu uns kamen.
Gut, das ist zwei Jahrzehnte her und die Lage hat sich beruhigt. Oder doch nicht? Offenbar haben wir das mit der Befreiung nicht so ganz wörtlich gemeint. Offenbar haben wir auch keine Scheu, die Menschen in verschiedene Kategorien einzuteilen. In jene, die gerne kommen dürfen - Touristen, die Geld bei uns lassen und im Übrigen nicht all zu lange bleiben, zum Beispiel. Und in jene, die wir hier nicht haben wollen, große Einheit und großes gemeinsames europäisches Haus hin oder her.
Roma und Sinti sind eine seit Jahrhunderten verfolgte Volksgruppe. Bei uns ebenso wie in den einstigen angeblich sozialistischen Staaten. Das Ende der Diktaturen im Osten Europas hat ihre Situation in keiner Weise verbessert. Im Gegenteil. In Tschechien baut man Mauern gegen sie, in Ungarn, Bulgarien und Rumänien diskriminiert man sie wie eh und je, im Kosovo gelten sie als Serbenfreunde und werden unter diesem Vorwand verfolgt.
Vor diesem Hintergrund haben viele Roma und Sinti , wie alle Menschen, die verfolgt werden, keine Perspektiven haben und daher auf die Suche nach einem besseren Leben gehen, die neue angebliche Freiheit genutzt und sich auf die Suche gemacht. Und manche sind - welche Anmaßung - eben auch bei uns im so viel reicheren Westen gelandet. Im so viel reicheren Frankreich zum Beispiel.
Das sie jetzt ausweist, zurückschickt. Zurück in die EU-Staaten Rumänien und Bulgarien, aus denen sie nicht zufällig weggegangen sind. Nur um feststellen zu müssen, dass das Ende der Diktaturen für sie keine positive Bedeutung haben sollte.
Frankreich hat also EU-Bürger ausgewiesen, deportiert, zurück geschickt in EU-Staaten, wo sie weder sicher sind noch auch die mindeste Lebensperspektive haben. Die Argumente dafür sind traurig bekannt. Arbeitscheue, Diebe, Kriminelle - das sind die Bezeichnungen, die man den Roma und Sinti allgemein angedeihen lässt. Und mit denen Frankreich jetzt auch die Deportation von über 700 Angehörigen dieser Volksgruppe rechtfertigt.
Pauschalverurteilungen, für die es keine Rechtfertigung gibt, und die angesichts der jüngeren Geschichte umso niederträchtiger anmuten. Der Europarat hat gegen das französische Vorgehen scharf protestiert, verhindert hat aber niemand die Deportation. Und dafür schäme ich mich als Europäerin zutiefst.



Liebe Susanne Scholl
Danke und gratuliere von herzen zu diesem klaren und mutigen bekenntnis. Eine in Budapest lebende schweizer kollegin.
dem ist nichts hinzuzufügen, brilliant!
"Brilliant" nur für Linksradikale.
Frankreich war und ist ein eigenartiges Land, vielleicht auch gar nicht so richtig "europäisch". Die EU hatte und hat nur wirtschaftliche Interessen im Auge, wenn sie um Verständnis für Beitritt eines neuen Landes wirbt. Ob dieses Land nun auch noch tatsächlich dem europäischen Kulturkreis zuzurechnen ist oder nicht, ist Nebensache.
Dass aber Menschen aus Ländern mit deutlich schlechterer Wirtschaftslage ihr Recht auf freies Reisen innerhalb der EU ausnützen, ist nicht nur verständlich, sondern auch ihr Recht.
Kommt nun ein Land, meint, es müsse diese oder jene Volksgruppe wieder abschieben, ausgrenzen, so sehe ich darin meine Skepsis gegenüber einem "vereinten Europa", die ich von Anfang an hatte, erneut bestätigt: Europa wird nie ein vereintes Europa werden (können), denn zu differenziert sind die einzelnen Forderungen, die geschichtliche Entwicklung und das Verständnis (der Bevölkerung, der Herrschenden, denn Politiker wären eigentlich vom Volk gewählt...).
Schade, dass Europa nicht die Chancen nützt, die ihnen Kulturen, Völker und Traditionen bieten. Es ist halt einfacher und erfolgreicher, sich der Kunst im Louvre oder den Salzburger Festspielen zuzuwenden, Mäzen zu feiern und an Gala-Diners teilzunehmen, als sich mit Geschichte und deren Entwicklung, mit den Bedürfnissen von Menschen auseinander zu setzen.
In Geschichtsbüchern liest man immer wieder, die Geschichte wiederhole sich. Ja, sie wiederholt sich immer wieder und wieder. Nur bekommt das Kind halt' immer einen anderen Namen!
Wieder sehr gut auf den Punkt gebracht! Was würde die EU wohl sagen, wenn Frankreich 700 Italiener ausweisen würde (was würde Italien erst dazu sagen), oder wenn Italien 700 Deutsche ausweist (usw.) - EU-BürgerInnen sind EU-BürgerInnen - ist es nicht verboten, innerhalb der EU EU-BürgerInnen "abzuschieben"?
Wo bleiben die viel gerühmten Grundwerte Europas? Europa ist sicher auch daran zu messen, wie es mit seinen ethnischen Minderheiten und sozialen Randgruppen umgeht. Oder soll das keine Rolle spielen bei der europäischen Auffassung von Freiheit und Demokratie?
Es ist wohl kein Zufall, dass fast alle europäischen Länder die Roma, Sinti mit Skepsis betrachten und auch danach handeln - nicht nur Frankreich. Es muss also schon Gründe geben. Sicher ist die Resozialisierung dieser Volksgruppe schwer, da sie viel Aufwand kostet, den sich die Länder nicht leisten wollen oder können. Versuche hat es ja schon einige gegeben, die aber alle gescheitert sind.
Es ist wohl kein Zufall, dass fast alle europäischen Länder die Roma, Sinti mit Skepsis betrachten und auch danach handeln - nicht nur Frankreich. Es muss also schon Gründe geben. Sicher ist die Resozialisierung dieser Volksgruppe schwer, da sie viel Aufwand kostet, den sich die Länder nicht leisten wollen oder können. Versuche hat es ja schon einige gegeben, die aber alle gescheitert sind.
Dieser Schilderung des IST-Zustandes ist nichts hinzuzufügen. Mir fehlen Hinweise auf Möglichkeiten einer Verbesserung der Situation von Roma und Sinti, etwa auf EU-Bildungs- und in der Folge Arbeitsmarktprogramme, die nach meinem Wissen unzureichend umgesetzt werden und damit wiederum nichts nützen.
Ich schließe mich in allem den Usern vor mir an. Super, Frau Scholl!
Ein Hinweis zur Ergänzung: Wo man den Roma und Sintis die Möglichkeit bietet, wie z. B. bei uns im Burgenland, da werden sie gern sesshaft, neben Hilfen zur Aus-und Weiterbildung aktiv an und suchen ihre Lage und zugleich den Status in der Gesellschaft zu verbessern. Sie sind auch nicht kriminell, nicht einmal Bettler, die kommen von wonders her. Sie haben das einfach nicht mehr nötig. Daher gäbe es gar keinen Grund, sie irgendwohin abzuschieben. Hätte sich Frankreich ebenso verhalten, gäbe es diesen Grund auch dort nicht. Etliche österreichische Roma haben hier schon einen guten Namen, als eloquenter Vertreter, als Künstler - als Träger einer uralten Kultur, die so wenig besser oder schlechter ist wie jede andere auch. Auf diese Bereicherung zu verzichten, bedeutet überall einen ungeahnten Verlust.
Frau Scholl wird immer mehr wieder eine Fundi, wie sie es in ihrer Jugend als Kommunistin war.
Ich verstehe den Sarkozy. Er kann kein wirklichkeitsfremder Spinner sein und muß den unkontrollierten Zuzug tausender Zigeuner einbremsen, sonst werden es binnen kurzem 100.000e !
Wieviele Generationen braucht Mensch eigentlich noch um endlich zu begreifen, daß die Erde eine Kugel ist. Wielange wird Mensch noch Lebewesen hin und her schieben vor allem die der "unteren Klasse". Ich freue mich schon ev. (noch) miterleben zu dürfen, wenn aus wirtschftlichen Gründen der Standort Europa als Investionsstandort für "die Oberschicht" des asiatischen Raumes interessant wird und wir "Europäer" dann eine anerkannte Minderheit werden/sind.
Scholl soll sich einmal ein Zigeunerlager (Die FAZ verwendet den Terminus "Zigeuner" ohne Anführungszeichen; bitte dort beschweren) ansehen und in der verschissenen Gegend einen Spaziergang machen. Vollste Zustimmung für Sarkozys Maßnahmen, der diese natürlich nur macht, um LePen klein zu halten. Wir brauchen keinen Sarkozy, wir haben unseren HC.
zu Kyral
Wer sonst nichts vorzuweisen hat, behilft sich halt durch heruntermachen derjenigen, denen er nicht das Wasser reichen kann, mit Verleumdungen und völlig haltlosen Behauptungen und bestärkt damit nur den negativen Eindruck und Ruf seiner selbst.
Sehr geehrte Frau Scholl
Da Ihnen die Rechte der Sinti und Roma in Europa so am Herzen liegen, wollte ich gerne von Ihnen wissen, welche Beitrag " Sie" zu einer Verbesserung der Situation beitragen bzw. beigetragen haben. Diese Frage gilt natürlich auch für die anderen glühenden Verehrer Ihres Kommentars. Wie viele Beschwerdebriefe haben Sie schon ans EU Parlament geschrieben ? Wie viel haben Sie schon gespendet? Wie viel Wohnraum haben Sie für diese Menschen schon zur Verfügung gestellt ? Sämtliche Schlauberger die Ihnen gratulieren, haben sicher noch nie was mit Sinti und Roma zu tun gehabt. Sie wohnen alle weitab vom Geschehen, mokieren sich aber über die Vorgangsweise von Frankreich. Ist wie mit dem Handymast oder mit der Autobahn. Jeder will die Vorteile nutzen, aber den Mast oder die Autobahn will man nicht in der Nähe seiner Umgebung haben. Bevor man Kommentare abgibt, sollte man vielleicht mal mit Menschen sprechen die unmittelbar mit dem Sinti und Roma Problem konfrontiert sind, dann kennt man auch die Hintergründe der Aktion.
Ja ich!
Als ich noch Kind war freute sich das ganze Dorf als sie endlich wieder mit ihren Pferdewagen kamen und ihre handwerklichen Fähigkeiten vor Ort ausführen konnten/durften. Sie waren und sind es wahrscheinlich heute noch - fachkundige, praktische Handwerker...
Ja, nein !
Bedenklich !
In Frankreich werden eine Hand voll Roma und Sinti
steuerfinanziert abgeschoben und das Internet - feedback in den SN kommt in Schwung.
bubo
Ja, ja, nein, nein (was darüber ist, das ist von Übel?)
Bedenklich - nachdenklich, ja das sollte uns durchaus auch machen, was anderswo geschieht. Ein Blick über den Tellerrand sollte intelligenten Wesen eigentlich zumutbar sein. Dabei ließe sich entdecken, dass Ähnliches uns auch nicht fremd ist, und hoffentlich nachdenklich machen, anstatt den miesesten Methoden noch zu applaudieren, anstatt sie kritisch zu hinterfragen und zu erkennen, was richtig, besser wäre.
Sehr geehrte Frau Scholl,
als "glühende Anhängerin der EU" schämen Sie sich für die Zwangs-Repatriierung von 700 Roma durch Frankreich. Das ehrt Sie, beweist Ihr soziales Gewissen und Ihre idealistische Sicht auf das geeinte Europa. Gleichzeitig offenbart Ihr Eintreten für die vergleichsweise kleine Gruppe von Sinti und Roma aber die Schizophrenie, mit der die Elite der "Wertegemeinschaft" Vertreibungen, Deportationen, ethnischen Säuberungen und ähnlichen Verbrechen gegen die Menschheit gegenübersteht. Zur Erinnerung: Bis zum heutigen Tag sind in Tschechien jene völker- und menschenrechtswidrigen Dekrete in Geltung, welche die Diskriminierung, Vertreibung und totale Beraubung von 3,2 Millionen (!) Altösterreichern aus dem Sudetenland "legalisieren", obwohl das Land bereits seit 6 Jahren EU-Mitglied ist. Mehr noch: Die Mörder und sadistischen Folterer von Tausenden wehlosen Frauen, Kindern und Alten sind in der tschechischen Rechtsordnung bis heute vor jeder Strafverfolgung geschützt, ohne daß die EU daran Anstoß nimmt! Wen wundert also der lockere Umgang mit Minderheiten und unliebsamen Gruppen in der EU?
Ohne die Vertreibungen der von Ihnen angefuehrten Menschen in Tschechien, Polen und der Slowakei gutheissen zu wollen, das waren bestimmte keine Heldentateen - NUR - Sie verwechseln offensichtlich Ursache und Auswirkungen.
Vor drei Jahren machten wir eine mehrwöchige Bildungsreise durch Rumänien. Unser Reisebegleiter während dieser Zeit war ein netter, etwa dreißigjähriger Mann mit absolut deutschem Namen (Richard St…), Nachkomme der "Siebenbürger Sachsen", die bereits vor vielen Jahrhunderten Teile von Rumänien besiedelt und sich die deutsche Sprache bis heute bewahrt haben. Er erzählte uns einmal, dass seine Mutter Rumänin mit ungarischen Wurzeln sei (die Ungarn sind dort die größte ethnische Gruppe nach den Rumänen selbst), weshalb er verständlicherweise auch fließend Ungarisch spräche – neben seinen zusätzlich in der Schule erworbenen Kenntnissen in Englisch und Französisch.
Auf der Bus-Fahrt durch die schöne rumänische Landschaft erzählte er uns beim Vorüberfahren an einem völlig verfallen wirkenden Dorf, dass dort die Regierung einmal versucht hätte, "die Roma in Orten sesshaft zu machen, in denen eine soziale Infrastruktur von einer geregelten Trinkwasser-Versorgung über die Abwasser- und Müll-Entsorgung bis hin zu mit Kindergärten, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Handwerkern usw. geschaffen worden sei … aber die Roma wollen sich einfach nicht integrieren, da sie partout nicht für längere Zeit an fixen Wohnorten leben können oder wollen …"
Dieses Statement unseres Reiseführers nahmen wir betroffen zur Kenntnis – und wie die Praxis in ganz Europa anschaulich zeigt, hatte dieser "Insider" absolut Recht … traurig, sehr traurig – aber völlig glaubwürdig, wie uns die Realität ständig aufs Neue beweist!
Sehr geehrte Frau Scholl,
ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass sie mindestens einmal mit Zigeunern in Kontakt treten, damit sie von ihrer romantischen Verklärung dieses Volkes erlöst werden.