März 2010 Archive
Wahlkampfslogans werden immer wieder verwertet. Die Glaubwürdigkeit leidet.
Das Rad ist eine tolle Sache, jedoch nicht gerade die jüngste Errungenschaft der Technik. Nur in der Politik erfindet man Räder unverdrossen neu, obwohl sie am Ende stets gleichförmig rund sind. Wenigstens gilt das für Wahlkampfsprüche. So verkündet aktuell die FPÖ „Wir wählen, wen wir wollen!" Damit warb die ÖVP 1986 für Kurt Waldheim, und spielte genauso (un-)bewusst mit fremdenfeindlichen bis antisemitischen Emotionen.
Österreich ist nicht zu klein, um große Internetfirmen hervorzubringen.Allein die Vorstellung, in der Liga von Google, Facebook & Co. mitspielen zu können, ist für einen Österreicher abwegig. Vermutlich ist auch das der Grund, warum der Deal keinem heimischen Medium eine große Schlagzeile wert war: Die größte Personensuchmaschine der Welt, 123people, wurde dieser Tage an die französischen Gelben Seiten „Pages Jaunes" verkauft - um welche Summe genau, ist geheim.
Der aus Sizilien stammende Sozialdemokrat ist einer der bekanntesten Anti-Mafia-Kämpfer in Italien. Dort genießt er rund um die Uhr Polizeischutz. Drei Anschläge gegen ihn wurden vereitelt. Nach seiner Wahl ins EP im Juni 2009 war die belgische Polizei zunächst unfähig, ihm ausreichenden Schutz zu bieten. Erst nach Interventionen des Parlamentspräsidenten änderte sich das.
Das EU-Parlament stellt stets höchste Ansprüche in Sachen Bürgerrechte. Doch der Sicherheitsdienst beurteilte ihr Erscheinen in einheitlichen T-Shirts als nicht genehmigte Demonstration, wie die Parlamentsverwaltung bestätigte. Sie mussten die T-Shirts ausziehen, und andere Abgeordnete lotsten die Gruppe ins Haus. Der Konferenzsaal der Gruppe wurde dennoch bewacht. Der Fraktionschef der Sozialdemokraten, Martin Schulz, will die Präsidentenkonferenz damit befassen: Es sei inakzeptabel, dass junge Leute, „die für Werte der EU einstehen", auf eine solche Weise behandelt würden.
Umständliche Kontrollen wie an Flughäfen sind in EU-Institutionen normal, im Parlament sind sie aber besonders lax und ineffizient. Wenn einmal etwas passiert, geschieht meist - nichts. Im Februar 2009 gab es im EU-Parlament sogar einen Bankraub, rund 20 Meter entfernt vom Wachpersonal an einem Nebeneingang. Das Kontrollsystem blieb unverändert.
Im vergangenen April waren seine Motive noch erkennbar.
Der Umgang mit der ersten sensiblen Entscheidung der neuen EU-Kommission für Österreich war in den vergangenen Tagen typisch. Die heimische Kritik konzentrierte sich auf den neuen Gesundheitskommissar John Dalli aus Malta, der nach drei Wochen im Amt die Anbauerlaubnis für die vom BASF-Konzern entwickelte Stärkekartoffel Amflora durch die Brüsseler EU-Behörde brachte. Das Zulassungsverfahren zog sich über zwölf Jahre. Dalli betonte, die Zulassung sei in der früheren EU-Kommission ausführlich diskutiert worden. „Die Debatte ist gelaufen."
Eine Auswahl aus den Reaktionen: „Vorschnell" und „nicht nachvollziehbar" (die EU-Abgeordneten Richard Seeber und Elisabeth Köstinger, beide ÖVP), „katastrophaler Start" (der grüne Landesrat Rudi Anschober, Linz). Gemeint war jeweils EU-Kommissar Dalli.
Doch dass Österreichs neuer EU-Kommissar Johannes Hahn die Entscheidung ebenfalls mitgetragen hat, scheint den meisten Kritikern (ausgenommen der grüne Landwirtschaftssprecher Wolfgang Priklhuber) entgangen zu sein. Der Beschluss der Kommission war nämlich einstimmig im schriftlichen Umlaufverfahren gefallen, wie Dallis Sprecher erläuterte. Der frühere Forschungsminister Hahn hat es also vorgezogen, sich nicht gleich zu Beginn seiner Amtszeit gegen die Kommissionslinie zu stellen.
Dass sich die Amflora-Genehmigung in Österreich praktisch nicht auswirken wird, ließen viele der wegen der Gentechnik so besorgten Politiker auch noch unter den Tisch fallen. Denn wie üblich hatte das Gesundheitsministerium umgehend ein nationales Anbauverbot angekündigt. Es besteht zudem keine Gefahr mehr, dass Österreich deshalb wie bisher unter Druck gesetzt wird. Denn die EU-Kommission ist beim Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen umgeschwenkt auf eine Linie wie bei der Atomkraft: Jedes EU-Land soll über die Nutzung selbst entscheiden. Für Sommer ist ein Gesetzesvorschlag dazu angekündigt.
Eine Art bedingter Reflex.
Die derzeitige russische Führung kennt die Spielregeln des Kalten Kriegs nur allzu gut - und liebt es, nach wie vor nach ihnen zu spielen. Stellst Du in Polen Patriot-Raketen auf, stell ich in Kaliningrad meine Iskanders hin. Gleichgewicht nennt sich das. Solang George W. Bush die amerikanische Politik prägte, hatte der Kreml in ihm - in diesem Bereich - auch einen kongenialen Partner.
Nicht ganz zufällig war Moskau mit der Wahl Barack Obamas, sagen wir einmal vorsichtig, überfordert. Da wurde einer gewählt, der diese Spielregeln womöglich außer Kraft setzen würde und wie bitte sollte man sich dann denn künftig bewegen gegenüber denen dort draußen, außerhalb der russischen Grenzen? Das neue Russland hat von der Sowjetunion nämlich einiges geerbt - vor allem auch die Überzeugung, grundsätzlich von Feinden und Neidern umgeben zu sein.
Jetzt erhält Polen also auf dringenden Wunsch amerikanische Patriot-Raketen samt amerikanischem Personal und stationiert beides gar nicht weit von Kaliningrad entfernt. Und Barack Obamas Regierung, die eigentlich auf das
Bush'sche Raketenabwehrsystem in Tschechien und Polen verzichten wollte, verhandelt jetzt gleich mit Rumänien und Bulgarien über eine Stationierung.
Natürlich, der Wunsch der einstigen sogenannten Bruderstaaten, sich militärisch ganz und gar unter den schützenden amerikanischen Arm zu begeben, ist nur allzu verständlich, zumal er wohl auch finanziell begründet sein dürfte. Und ebenso ist Moskaus lauter Protest und die Meinung, man müsse sich bedroht fühlen, irgendwie sogar nachvollziehbar.
Wirklich protestieren sollten allerdings ganz andere. Amerikas Immer-noch-Verteidigungsminister Robert Gates hat vor nicht all zu langer Zeit und im Zusammenhang mit der europäischen Unwilligkeit, sich im Irak und in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren kritisch angemerkt, Europa sei viel zu demilitarisiert. Ein guter Witz, könnte man meinen. Zu wenig gerüstet soll dieser Kontinent sein?
Der es im vergangenen Jahrhundert zwei Mal geschafft hat, sich selbst fast vollständig in die Luft zu jagen? Während die USA seit ihrem Bürgerkrieg ihre bewaffneten Konflikte wohlweislich nur mehr weit weg vom eigenen Kontinent austrugen?
Und das heute wieder tun? Und einen Teil Europas nach wie vor bewaffnen? Auf dass der eventuelle nächste Konflikt wieder weit weg ausgetragen werden möge?
All das spielt jenen Kräften in Russland in die Hände, die - wie gesagt - ohnehin am besten nach den Spielregeln des Kalten Kriegs zu spielen verstehen.
Die Europäische Union als professioneller Helfer in der Not - das ist das Thema eines brandneuen Comics. Die Hauptrolle darin spielt die fesche Zana, die im fiktiven Land Borduvia weit im Osten Europas nach einem schlimmen Erdbeben die EU-Hilfe koordiniert. Den Auftrag (mit 15.000 Euro Honorar für fast ein Jahr Arbeit) ergatterte nach einer öffentlichen Ausschreibung der Belgier Eric Bongers (44), der zuvor noch nie ein vollständiges Comic veröffentlicht hatte. Deshalb und wegen der riesigen Startauflage von 300.000 Stück in mehreren Sprachen gilt seine Geschichte im comicverliebten Belgien als bemerkenswerte Leistung.
Die britische Steuerzahlerallianz findet natürlich, das Projekt um 226.000 Euro sei rausgeschmissenes Geld, und erreichte damit auch ein gewisses Medienecho. Diesen Vorwürfen hält der Zeichner entgegen, die ersten Bestellungen (online gratis im EU-Bookshop) seien von britischen Lehrerorganisationen eingegangen. Schließlich sei seine Geschichte auch als Schulbuch gedacht. Bongers betont, die Auftraggeber hätten ihm weitgehend freie Hand gewährt. Die Story ist im Stil an Tim und Struppi (französisch Tintin) der belgischen Comicikone Hergé angelegt; und das ist in Belgien ein Markenzeichen. Rätselhaft erscheint allerdings der deutschsprachige Titel „Im Land der Rebellen", denn im Original geht es um eine „versteckte Katastrophe".
Zurück zur EU-Politik: Die bisher glücklose EU-Außenministerin Catherine Ashton reist diese Woche nun doch nach Haiti - mit der für humanitäre Hilfe zuständigen Kommissarin Kristalina Georgiewa, aber in getrennten Flügen. Das wird erst recht wieder Kritik hervorrufen.







