Dass aber in dem gesamten peinlichen Gerangel um Nebensächlichkeiten das entscheidende Thema nicht einmal Gegenstand einer öffentlichen Diskussion ist, zeigt das erbärmliche Niveau der Politik: Der seit Jahren andauernde Verrat an der Jugend wird kommentarlos fortgesetzt.
August 2008 Archive
Dass aber in dem gesamten peinlichen Gerangel um Nebensächlichkeiten das entscheidende Thema nicht einmal Gegenstand einer öffentlichen Diskussion ist, zeigt das erbärmliche Niveau der Politik: Der seit Jahren andauernde Verrat an der Jugend wird kommentarlos fortgesetzt.
England, Frankreich, Deutschland und Spanien. Wohin man auch blickt, die Bürger sind wütend auf ihre Regierungen. Diese hätten nichts oder nicht genug gegen die Teuerung getan, lautet der Vorwurf quer durch den europäischen Kontinent und nicht nur im wahlkampfgebeutelten Österreich.
Halten wir uns nicht mit der Frage auf, ob die Wut berechtigt ist, sondern nützen wir sie als Ausgangspunkt: Emotionen sind eine hervorragende Basis für neue Ideen. Was nicht bewegt, führt nicht zu Veränderungen.
Wir haben drei unbescholtene Bürger eingeladen, die Wut im Bauch in Richtung Gehirn umzuleiten. Denn über ein gut gemachtes Brainstorming lassen sich in kurzer Zeit sehr viele Ideen generieren. Die Fragestellung lautete: Was können die Regierenden wirklich tun, damit den Leuten trotz Teuerung mehr Geld im Börsel bleibt? Das Ziel: 100 Ideen in 20 Minuten. Denn die kleinen grauen Zellen sollten richtig in Fahrt kommen, und eine Zensur (nach den Mottos „Das geht nicht", „Das kostet zu viel", „Das gab es schon") ist in der ersten Phase des Ideensturms strikt verboten. Also: Keine negativen Kommentare, bitte!
Hier aus Platzgründen nur einige der Ideen, die herausgekommen sind, und die sich auf Grund des Zensurverbots natürlich auch widersprechen können: Meuterei bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, damit diese mehr gegen die Inflation unternimmt. Iss-weniger-Kurse in jedem Gemeindeamt. Und für jene Menschen, die sich schon schlank gegessen haben: Sparpartys nach dem Vorbild von Tupperpartys. Titel: Satt werden mit fünf Euro am Tag. Begleitend dazu wird die Textilindustrie angewiesen, Hosen und Röcke um einige Zentimeter enger zu schneider, damit sich das Völlegefühl früher einstellt. Man teilt Sammelpässe für jeden Kilometer aus, der anstatt mit dem Pkw zu Fuß oder per Rad zurückgelegt wurde. Wer den Pass voll hat, bekommt eine Gratistankfüllung. Ein Forschungsprogramm für die Erfindung eines durch den Fahrer angetriebenen Autos wird in die Wege geleitet. Die Finanzämter vermitteln Mitfahrgelegenheiten für alle Bürger, in privaten Pkw genauso wie in Staatskarossen. Das Infrastrukturministerium verlegt Solarzellen auf allen Wohnhäusern. Die Regierung organisiert Schnäppchentouren zu Ein-Dollar-Geschäften und Flohmärkten. Wirte geben Gratismenüs an Lehrlinge und Senioren aus und holen sich das Geld vom Staat zurück. Helikopter des Bundesheeres werfen 100-Euro-Schulanfangsgutscheine über Dörfern mit kinderreichen Familien ab.
Weitere Beiträge? Nichts wie her damit. Ein perfekter Ideensturm ist nur der, bei dem es wild zugeht. Gewählt wird später.
Amerikanisierung ist ein Wort, das jeder kennt. Trotzdem verstehen alle etwas anderes darunter. Hauptsache wir haben sie. Im Wahlkampf nämlich. Vor allem nach
Beginn der heimischen Fernsehduelle und angesichts der transatlantischen Parteitage. In Hurradiskussionen wird nicht einmal unterschieden, ob wir von einer Amerikanisierung des politischen (Wahl-)Systems, des Wahlverhaltens oder der Kampagnen sprechen.
Ersteres gibt es durch das Vorzugsstimmensystem und die Direktwahl von Bürgermeistern. Sonst existiert bei uns das personenbezogene Mehrheitswahlrecht, ob nach US-Vorbild oder nicht, bisher nur als geistiger Inzest der Fachöffentlichkeit. Mehr Ähnlichkeiten gibt es beim Zweiten, dem Wahlverhalten. Viele Phänomene - vor allem die steigende Zahl von unentschlossenen, nicht an Parteien gebundenen und/oder wechselnden Wählern - sind international. Halbwahrheiten bestimmen freilich die Tagesordnung.
Als Trend etwa verlagert sich die Festlegung über die Stimmabgabe diesseits und jenseits des Ozeans nach hinten. 2006 entschieden sich in Österreich 23 Prozent erst wenige Wochen vor dem Wahltag. Doch in der US-Präsidentschaftswahl 2004 war die Zahl der Spätentschlossenen mit fünf Prozent geringer als je zuvor. Wer nicht früh wusste, ob er Bush oder Kerry wollte, lebte auf dem Mars und nicht in Amerika. Bei uns zählen wir 2008 über 40 Prozent noch unentschiedene Wähler.
Bleiben als Drittes Parallelen in der Wahlkampfführung. Kein Parteisekretariat gibt das Kampagnenmanagement aus der Hand, obwohl es in den USA ausgelagert wird. Dort geht es um eine Dienstleistung gegen Geld. Sehr viel Geld, mit dem Schmerzensgeld für neurotische Kandidaten inklusive.
Der Vorteil ist Effizienz statt Unvereinbarkeit. Ein kleines Team mit hierarchischer Struktur handelt schnell und ohne faule Kompromisse. Unsere Wahlkämpfer fangen mit diesen bei der Listenerstellung an. SPÖ oder ÖVP können gar keine Strategie entwickeln, zwecks Vorzugsstimmen auf Sympathieträger in allen Bundesländern zu setzen. Das scheitert kläglich, wenn Bezirks- und Ländergremien stiernackige Funktionärstypen und nicht Publikumslieblinge nominieren.
Parteigeschäftsführer müssten in den USA zudem lernen, dass sie eine Fehlbesetzung sind. Ihr Job ist mit Eigeninteressen inkompatibel. Wer Wahlkampfleiter und möglicher Minister ist, hat Scheren im Kopf. Die Lust auf Regierungsposten verunmöglicht Risken in der Manöverkritik mit der Partei.
Bringt man Landes- und Teilorganisationen unter einen Hut, enden banalste Vorschläge a) als kleinster gemeinsamer Nenner und werden b) beschlossen, wenn alles vorbei ist. Bei Ausgrenzungen schießen Parteifreunde als unkontrollierbare Flipperkugeln durch die Medienlandschaft.
Daher sind es nur wenige Strategieimporte, welche aus dem Land der Spin-Doktoren eingeführt werden. Ein Beispiel ist die Phantomwerbung. Sie wird kaum plakatiert, aber in Pressekonferenzen vorgestellt, um sich in Zeitungsberichten wiederzufinden.
Dennoch hat der Politwettbewerb in der Alpenrepublik mit Barack Obama & Co. kaum etwas zu tun.
Geschätzte Leser, die Sommerpause ist vorbei. Hoffentlich sind Sie erholt, denn der Herbst birgt - abgesehen von der Nationalratswahl - jede Menge Herausforderungen.
Nehmen wir nur die internationale Finanzkrise, deren einjähriges Jubiläum Anfang August zu begehen war. Es deutet Einiges darauf hin, dass die Probleme noch nicht ausgestanden sind und ins nächste Jahr hineinreichen werden.
Die Kunden sind heutzutage bestens informiert. Sie recherieren lange, bevor sie sich entscheiden. Holen Vergleichsangebote und Referenzen ein. Fragen genau nach, was sie für ihr Geld bekommen werden.





