Man möge doch die Spekulation nicht verteufeln. So argumentiert der US-amerikanische Finanzminister Henry Paulson, wenn Kritiker betonen, dass das Spiel mit Termingeschäften die Ölpreise in astronomische Höhen treibe.
Paulson verlangt, dass man sich den Tatsachen stellen möge. Diese würden allerdings alles nur nicht 140 Dollar je Fass Öl nahe legen. Die aktuelle Ölproduktion deckt den Bedarf ausreichend, die Lager sind beruhigend voll und die jüngste Analyse der Reserven weist aus, dass noch genug Öl für vierzig Jahre vorhanden ist.
Damit nicht genug: Die Teuerung hat in den vergangenen eineinhalb Jahren die Nachfrage in den alten Industrieländern deutlich zurück gehen lassen, so dass selbst der starke Verbrauchszuwachs der aufstrebenden Staaten mit China an der Spitze nur einen leichten Anstieg des gesamten Konsums auslöst. Die Tatsachen würden dramatisch niedrigere Preise nahe legen.
Zur Ergänzung all dieser Tatsachen hat Saudi-Arabien vor wenigen Tagen seine Produktion gesteigert. Mit dem erstaunlichen Effekt, dass die Preise nicht nachgegeben haben, sondern weiter gestiegen sind.
Betrachtet man allerdings die von Henry Paulson als unschuldig hingestellte Spekulation, so erweisen sich die Termingeschäfte - im Fachjargon als futures und options bezeichnet - als ganz und gar nicht unschuldig.
Theoretisch sind Termingeschäfte Versicherungen. Ein Käufer sichert gegen die Bezahlung einer Prämie ab, dass ihm ein Lieferant eine bestimmte Menge zu einem bestimmten Preis an einem bestimmten Tag liefert. Oder umgekehrt: Ein Verkäufer sichert sich einen Abnehmer zu vereinbarten Bedingungen.
Dies funktioniert bestens, wenn der Lieferant die Ware tatsächlich hat und beide mit dem vereinbarten vom Markt abgekoppelten Preis zufrieden sind.
Allein der Handel mit „oil-futures" nur an der New Yorker Börse NIMEX bezieht sich aber derzeit auf das Sechsfache der gesamten Weltproduktion. Und die NIMEX ist nicht der einzige Handelsplatz, in London agiert die ICE. Auch werden weltweit neben futures auch eifrig „options" geschrieben.
In der Welt der Termingeschäfte wird so ein „Öl-Mangel" konstruiert, der hohe Preise auslöst. Die Spekulanten interessiert das nicht: Sie haben kein Öl und wollen auch am Ende der Laufzeit des Termingeschäfts weder Öl kaufen noch verkaufen. Am Fälligkeitstag wird in bar abgerechnet, jene, die auf einen falschen Preis gesetzt haben, zahlen, die anderen kassieren.
Das Spiel mit futures und options hat allerdings den „Nebeneffekt", dass die Preise, die in der Scheinwelt der Termingeschäfte vereinbart werden, in der realen Welt wirken und so die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl bestimmen. Dies wäre zu verhindern, indem zumindest die offiziellen Börsen NIMEX und ICE nur Kontrakte abwickeln dürften, bei denen das Öl vorhanden sein muss und am Schluss auch verkauft wird.
Dann würden tatsächlich die Tatsachen wirken, von denen Henry Paulson gerne spricht.


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