Der Ultimo liegt hinter uns, die Bücher sind geschlossen. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Die Jahreswende ist traditionell die Hochzeit der Buchhalter. Während alle anderen mit dem neuen Jahr beschäftigt sind, müssen sie noch das alte zu Papier bringen, damit die Unternehmen Bilanz legen können. Die Jahresabschlüsse strotzen vor Fachausdrücken, die oft mehr verschleiern, als sie preisgeben. Im Folgenden ein kleiner Überblick über wichtige Bilanzbegriffe als Service für unsere Leser.
Abwertung: Das Ventil der Buchhalter. Wenn sich frühere Wertansätze als falsch herausgestellt und vermeintlich solide Werte in Luft aufgelöst haben, werden selbige aus der Bilanzposition entfernt. Wird aber stets mit der Hoffnung verknüpft, dass der alte Wert wieder einmal erreicht wird und man durch die Abwertung stille Reserven gebildet hat. Die sind aber meist so still, dass man nie wieder etwas von ihnen hört.
ABS: Vorsicht, Autofahrer! Bedeutet genau das Gegenteil dessen, was Sie darunter verstehen. Gemeint sind Asset Backed Securities, also Wertpapiere, die mit Vermögen unterlegt sind. Das hat sich durch das Unvermögen derer, die ABS geschnürt und bewertet haben, in Luft aufgelöst. Geistige Blockade führt oft zum finanziellen Stillstand.
Bilanzverkürzung: Kennzahlen, die sich auf die Bilanzsumme beziehen, schauen gleich viel besser aus, wenn diese kleiner ist. Um das zu erreichen, trennen sich viele Unternehmen von nicht betriebsnotwendigem Vermögen. Offizielle Begründung: Rückzug aufs Kerngeschäft. Die Wahrheit ist meist viel banaler: Die Firma braucht Geld.
„Fair value": Soll andeuten, dass der Bilanzansatz eines Vermögenswertes der Wahrheit nahe kommt. Oft wird der „Fair value" zur „Fairy tale", die Bilanz zum Märchenbuch. Und Märchen sind bekanntlich oft ziemlich grausam.
Mark-to-Market: Gibt es für Vermögensgegenstände keinen Marktpreis, dann wird so getan, als gäbe es einen. Bietet viel Raum für Kreativität. Bei der Methode „Market-to-model" kann man sich sogar die eigene Wirklichkeit basteln. Die erweist sich oft als Traumwelt, aus der Anleger böse erwachen.
Island-Obligo: Anderer Ausdruck für das teure Lehrgeld, das viele Investoren dafür bezahlt haben, dass sie folgende Geschichte glaubten: Auf dem frostigen Eiland im Atlantik sprudelt Geld wie warmes Wasser aus den Geysiren.
Zweckgesellschaft: Dient meist nur einem Zweck - Vermögen oder Risiken aus der Bilanz zu entfernen. Das Blöde daran: Das Vermögen ist oft wirklich dahin, aber die Risiken kommen zurück.
Sämtliche Definitionen verstehen sich wie Bestätigungsvermerke von Abschlussprüfern - also ohne Gewähr.
Nicht nur der Staat, auch immer mehr Bürger erweisen sich als Überwachungsfetischisten.In drei Tagen schreiben wir das Neujahr zum 25-jährigen Jubiläum nach dem Big-Brother-Jahr 1984. Gemeint ist nicht das voyeuristische Fernsehspektakel aus der Schlüsselloch-Perspektive, sondern George Orwells literarisches Meisterwerk. Hatte Orwell mit seinem Szenario eines Überwachungsstaats Recht?
Der Handel mit Privatdaten ist ein wirtschaftliches und politisches Geschäft. Nicht nur Werbematerialien werden zielgerichtet verschickt, sondern in den USA sollen die Parteien von jedem (!) Wähler eine Computerdatei haben. Grundlage ist der Ankauf von Informationen via Kundenkarten von Lebensmittelketten und Drogeriemärkten, Tankstellen und Fluglinien, Bekleidungsindustrie und Freizeitshops.
Wollen Sie, dass eine politische Partei weiß, ob sie vegetarisch einkaufen und/oder regelmäßig Medikamente nehmen, wann Sie wohin für welches Vergnügen reisen, und was Form und Farbe ihrer Unterwäsche ist? Vermutlich nicht. Während jedoch bei Orwell die Mehrheit der willenlos überwachten Neusprech-Menschen entweder ihr Schicksal hinnimmt oder in der Folterkammer endet, wäre es hier zu Lande leicht, anhand der obigen Frage öffentlich Anti-Technik- und/oder Anti-Politik-Vorurteile zu schüren.
Doch Vorsicht. Auch vermeintlich machtlose Mitmenschen sind dem Datenwahn verfallen und Demokratie von unten kann sehr übel sein: Unter http://criminalsearches.com versuchen gute Nachbarn mit Hilfe des Internets, das Vorleben der Eltern und Lehrer von Kindern im Volksschulalter, eines Babysitters, des Hauselektrikers usw. auszuspionieren. Eine Grafik zeigt mittels Stadtplan punktgenau, wo angeblich suspekte Elemente leben.
Die Denunziantenplattform rottenneighbor.com bietet eine deutschsprachige Variante und einen Preis von
1000 Dollar für die gelungenste Privatüberwachung. Dass so etwas sich vor allem für Blockwartnaturen eignet, das ist noch freundlich gesagt. Positivvarianten sind demgegenüber, wenn auf der Datenautobahn als Bürgerbeteiligung rassistische Wandschmierereien oder schlicht eine kaputte Verkehrsampel gemeldet werden können. Schlimm ist bloß, dass kaum eine seriöse Diskussion über Sinn und Unsinn des Umgangs mit Technik und Daten stattfindet. Modernisierung ist weder grundsätzlich gut noch stets schlecht.
In Deutschland wurde „Finanzkrise" zum Wort des Jahres 2008 bestimmt. In Österreich entschied man sich für „Lebensmensch". Mehr muss man zum Unterschied zwischen den beiden Ländern nicht sagen. 2008 war jedenfalls ein besonderes Jahr für die Finanzmärkte. Es kam vieles hoch, was man nicht für möglich gehalten hatte, und vieles ging den Bach hinunter, was man für unsinkbar gehalten hatte. Ein Streifzug durch das Jahr 2008 anhand von Wörtern, die Schlagzeilen gemacht haben.
Investmentbanken. Ausgestorbene Spezies unter den Kreditinstituten. Waren so lange damit erfolgreich, anderen Leuten einzureden, dass die ihnen ihr Geld geben sollten, damit sie, ohne eigenes dazuzulegen, mehr für sich daraus machten. Das ging lange gut und 2008 voll in die Hosen. Lehman Brothers verlor dieselben und ging Pleite.
Wall Street. Straße im Süden Manhattans, die auch die Börse beherbergt. Wurde zum Synonym für den Sumpf, in dem die Finanzindustrie versank. 2008 gab es dort so viele Sündenfälle, die für eine ganze Generation reichen. Vorgänge wie an der New Yorker Börse gibt es auch in Österreich. Sie laufen hier zu Lande unter: „Lotto. Alles ist möglich."
Inflation. Bestimmte lange Zeit die Debatte in der Wirtschaftspolitik, entschied in Österreich sogar die Wahl mit. Irgendwann wurde es allen zu viel. Die Banken erbarmten sich, leiteten den Themenwechsel ein und riefen nach . . .
Staatshilfe. Ursprünglich gedacht als Kreislauf förderndes Mittel für Institute mit leichten Rhythmusstörungen. Erwies sich nach und nach als lebensrettende Maßnahme für eine Branche, die unter kapitaler Schwindsucht leidet.
Konjunkturpaket. Von nationalen Regierungen geschnürtes Bündel von Maßnahmen, die in normalen Zeiten als „Geld beim Fenster hinauswerfen" qualifiziert würden. Gelten jetzt aber als ziemlich cool. Verhalf vielen Politikern zum Status des Heilsbringers.
Vertrauen. 2008 echte Mangelware. Kaum zu bekommen, selbst dann nicht, wenn man viel Geld dafür zu zahlen bereit war. Wird auch 2009 nur in niedriger Stückzahl und von wenigen Anbietern produziert werden. Die Nachfrage wird allerdings hoch bleiben, was den Preis weiter in die Höhe treibt.
Wall-Street-Legende. Als solche galt Bernard L. Madoff. Bis aufflog, dass er Anleger mit einem Schneeballsystem betrogen hatte. Muss man sich vorstellen wie Salzburger Nockerl: Also sehr viel Luft um nichts.
Zinsen. 2008 fast verschwunden. Signal, dass Geld nichts mehr kostet. Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Weil die Menschen das schon ahnten, blieben die Notenbanken auf dem Geld sitzen, die Zinssenkungen wirkungslos.
Rechtzeitig vor dem
Christkind haben Politiker in Vertrauensumfragen zugelegt. Unabhängig von der Parteipräferenz ist dieser Vertrauenszuwachs erfreulich, weil Vertrauen den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert. Ohne dieses als Grundwert würde jeder vom anderen glauben, ein Schweinehund mit verbrecherischen Absichten zu sein. Das ist nicht bloß unchristlich, sondern macht es unmöglich, das Miteinander in einem Staat, Land oder einer Stadt zu organisieren. Freilich unterscheiden sich Parteien auch dadurch, welche Werte sie in den Mittelpunkt stellen. Ja, sogar Siege und Niederlagen im politischen Wettbewerb werden von den parteilichen Wertemustern bestimmt. Langfristig geht es nicht um kurzlebige Meinungen, ob rotschwarzblauorangegrün die Nase vorn hat. Sogar Pro und Kontra der Steuerreform, das fällt bei der nächsten Wahl in die Kategorie des uninteressanten Geschwätzes von gestern.
Sozialwissenschafter Günther Ogris sieht die Gleichberechtigung der Geschlechter als Schlüsselwert. Sie unterscheidet den EU-ropäischen Kulturkreis vom Orient. Mit Religion hat das nichts zu tun, weil das Christentum ebenso eine unselige Tradition des Patriarchats hat. Die Emanzipation der Frauen, von der Beschäftigungsquote bis zur freien Wahl der Lebensgestaltung, ist jedoch in Mitteleuropa fortgeschrittener als im Nahen (Süd-)Osten.
Vor so einem Hintergrund ist die niedrigste Frauenquote im Nationalrat seit langer Zeit sowohl beschämend als auch vielleicht Symbol für überraschende Formen der Argumentation. Die FPÖ ist in ihrer Wählerstruktur am meisten mehrheitlich eine Männerpartei - und HC Strache gewinnt Terrain, wenn er mit Hilfe der Wertedifferenzen beim Gleichberechtigungsthema den türkischen EU-Beitritt ausschließt. Da eiert die aufgeschlossene Linke vulgo SPÖ und Grüne plötzlich herum. Die ÖVP wiederum übt sich geschlechtermäßig bei den Familienwerten in Gratwanderungen. Familie sei dort, wo Kinder sind, wird innerösterreichisch der Ehebegriff erweitert. Schön. Umgekehrt kann in interethnischen Ehen ein Partner mit fremder Staatsbürgerschaft jederzeit abgeschoben werden. Für legale Zuwanderer besteht kein Nachzugsrecht für Verheiratete und Kinder. Beides ist sehr unschön, während Christdemokraten sich über den Ort einer Trauungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare empören. Zwei Tage vor Weihnachten könnten also alle besinnlich ihre Werte überdenken.
Innovation braucht man gerade dann, wenn man sie sich nicht leisten kann. Gertraud LeimüllerDa sage noch jemand, dass Innovation ein Schönwetterprogramm sei: Wenn man einem Bericht der „Financial Times" Glauben schenken darf, bastelt Angela Merkel an einem Schlechtwetterprogramm, das eine echte Innovation darstellt. Die deutsche Kanzlerin will große Unternehmen verpflichten, in einem bestimmten Zeitraum keine Massenentlassungen durchzuführen. Im Gegenzug dazu bietet sie diesen Unternehmen staatliche Hilfe an, damit diese die Belegschaft trotz der schlechten Auftragslage durchfüttern können, etwa mit Kurzarbeit, bis wieder bessere Zeiten kommen.
Kreativität und Innovation braucht man gerade dann, wenn man sie sich eigentlich nicht leisten kann. Am konkreten Beispiel: Nichts ist jetzt verführerischer für Politiker, als in Aktionismus zu verfallen und Lösungen von gestern aus dem Hut zu zaubern. Schließlich ist Schnelligkeit gefragt.
Merkels Initiative zeigt hingegen, dass man sich manchmal ruhig einige Tage mehr Zeit nehmen sollte, um auf neue, besser passende Lösungen zu kommen: Wenn alles klappt, kann sie damit tatsächlich Massenarbeitslosigkeit verhindern und das wird auch in den Straßen und an der Stimmung erkennbar sein. Man weiß also bereits jetzt, dass die Maßnahme wirken wird - , vorausgesetzt die Unternehmenschefs machen mit. Im Unterschied dazu weiß man das bei Steuerzuckerln, die zur Konjunkturstützung verteilt werden, nicht zu 100 Prozent. Solche Geschenke an die Bevölkerung können wirkungslos bleiben, wenn viele Konsumenten das Geld auf die hohe Kante legen anstatt sich in den Konsum zu stürzen.
Wir alle sehnen uns nach Innovationen, die uns einen festen Boden unter den Füßen und Trittsicherheit geben. Diese sollten jedoch nicht nur von der Politik, sondern auch von der Wirtschaft selbst kommen. Als Vorbild kann etwa der japanische Elektronikkonzern Panasonic dienen. Er hat die Managergehälter an den Schadstoffausstoß der Fabriken gekoppelt, insbesondere den Ausstoß an Kohlendioxid. Damit bekommen Manager, die die Reduktionsziele in ihren Fabriken nicht erreichen, weniger Gehalt. Wetten, dass damit der Klimaschutz bei Panasonic einen Stellenwert gewinnt, den er nie zuvor hatte?




