Neues von Roman Arens
Mit der europäischen Pistole auf der Brust hat die italienische Regierung in wenigen Tagen ein Blut-, Schweiß- und Tränenprogramm zusammengeschustert. Es ist sozial unausgewogen und ungerecht und trifft wie üblich die Schwachen am härtesten. Wer drei Jahre lang seine Pflichten zu Budgetsanierung und Reformen versäumt hat, kann aber nicht darüber klagen, Hals über Kopf zu drastischen Maßnahmen gezwungen zu werden. Die Notsituation war vorhersehbar, die internationale Finanzspekulation hat sie nur verschärft.
Die einen werden immer enthusiastischer, die anderen werden immer deprimierter, in ihrer Ratlosigkeit und Uneinigkeit immer weniger attraktiv. So stabilisiert sich sein Regime, der „Berlusconismus" durchdringt Gesellschaft, Politik und Kultur - und sein Erfinder schickt sich an, spätestens im Jahre 2013 Staatspräsident zu werden. In dem einen Jahr, das ihn nun zum vierten Mal an der Regierung sieht, hat er das Land mehr verändert als in vielen Jahren vorher, er hat weitere Hindernisse für seine Apotheose beiseite geräumt.
Berlusconi verkörpert das in Italien historisch vorhandene Misstrauen gegenüber dem Staat. Wenn er augenzwinkernd Verständnis für Steuersünder zeigt, wird das hoffnungsvoll bei allen Abgabenunwilligen registriert. Wenn er einen zu lebenslanger Haft verurteilten Mafioso, der bei ihm gearbeitet hat, zum Helden erklärt, bringt dieses Signal Stimmen im Milieu. Wenn er Schwierigkeiten mit der Strafjustiz hat, hat er zahlreiche Anwälte, die ihn herauspauken, oder er lässt die Gesetze ändern. Wenn er seine Neigung zu jungen Frauen auslebt, sind ihm der Neid und die Bewunderung vieler Männer sicher. Nur eine Minderheit, die ihn ohnehin nicht wählt, findet das frauenverachtend und degoutant.
Der Ehekrieg mit Ehefrau Veronica Lario wird ihn noch beschäftigen. Doch auch da wird er sich als unschuldiges Opfer eines linken Komplotts darstellen.
Zwischendurch präsentiert er sich wieder in Neapel als Macher, der das Müllproblem gelöst haben will, oder im Erdbebengebiet Abruzzen als der gute Geist, der den Leuten die Häuser wieder aufbaut. Dass es hier wie dort nicht so glatt funktioniert, wird kleingeschrieben und schadet dem Image nicht. Berlusconi beherrscht oder beeinflusst die Medien. Und wer dies tut, beherrscht die Köpfe.
Schon rund ein Drittel der Immigranten, die in Italien an Land gehen, stellen Asylanträge und haben auch wachsende Chancen, akzeptiert zu werden oder wenigstens aus humanitären Gründen in Italien bleiben zu dürfen. Unter vierzehntausend Antragstellern im vergangenen Jahr wurde immerhin achttausend ein sicherer aufenthaltsrechtlicher Status zugebilligt. Auch wenn Italien kein eigenes Asylrecht hat, so kann es doch nicht hinter den rechtlichen Standard der Genfer Konvention zurückfallen.



