Damit dürfte wohl nicht einmal Alexander Wrabetz gerechnet haben: Der neue alte Generaldirektor des ORF erhielt bei seiner Wiederwahl am Dienstag 29 von 35 Stimmen.
Für einen Kandidaten, den die ÖVP noch bis vor kurzem offiziell für unfähig erklärt hat, ist das beachtlich. Und für einen, den die SPÖ vor gut einem Jahr noch aus dem Sessel kippen und durch RTL-Boss Gerhard Zeiler ersetzen wollte, ist das geradezu sensationell. Die Frage ist, was Wrabetz aus dieser breiten Mehrheit macht beziehungsweise machen darf.
Schon in den nächsten Tagen wir sich zeigen, ob die starke Zustimmung neues Vertrauen in die Fähigkeiten des Generaldirektors zum Ausdruck bringt, oder ob es sich dabei nur um einen Vorschuss auf noch zu erbringenden Gegenleistungen handelt.
Wie es jetzt aussieht, teilen sich die Regierungsparteien den ORF ohne Genierer auf. Der lange Arm der Parteien reicht vom General bis hinunter zum Portier. Das ist übelster Parteienproporz wie wir ihn schon lange nicht mehr so offen erlebt haben.
Dabei muss man die Journalisten-Kollegen aus dem ORF vor den Parteien in Schutz nehmen. Sie werden zu einem großen Teil von SPÖ und ÖVP einfach vereinnahmt. Erst einmal in ein parteipolitisches Schubladl gesteckt, können sich viele nicht mehr dagegen wehren.
Beide Regierungsparteien geben in der ORF-Frage eine klägliche Figur ab: Die SPÖ, der es vor allem um Machterhalt geht, die ÖVP, die zuerst große Töne gegen den „Rotfunk" spuckt, und dann erst recht packelt und sich zumindest den einen oder anderen Posten heraus schindet.
Das elektronische Leitmedium das Landes ist mit der Farce von Wahl schwer beschädigt worden. Lange hält der ORF das nicht mehr aus. Es wird Zeit, dass sich die Bürger Österreichs ihren ORF wieder von den Parteien zurück erobern.




reinhard.horner@chello.at
Leider kein Faktum, sondern eine Notwendigkeit
Der Titel ließe vermuten, die Rückeroberung sei eben geschehen.
Der Artikel legt jedoch dankenswert dar, dass sie aussteht und dringend nötig ist. Dem ist mit Nachdruck beizupflichten.
“Das Angebot (des ORF) hat sich an der Vielfalt der Interessen aller Hörer und Seher zu orientieren und sie ausgewogen zu berücksichtigen”, und zwar auch im Bereich “… umfassende Information der Allgemeinheit über alle wichtigen politischen … Fragen” ($ 4.w und $4, 1, 1. ORF- Gesetz). Der ORF ist also kein Regierungsfunk sondern hat den Auftrag, die politische Realität widerzuspiegeln. Jeder weiß, dass dies nicht der Fall ist.
Wie wir heute sehen, wäre gerade dies sehr wertvoll. Ausgrenzung von Randgruppen führt zu Radikalisierung, Ausgrenzung von größeren Gruppen zur Polarisierung. Beides kann nicht Aufgabe eines Unternehmens in öffentlicher Hand sein.
Und was machen "die Bürger Österreichs" dann mit dem ORF? Wie können sie alle die verschiedenen Vorstellungen einbringen, verwirklichen? Das klingt ja sehr gut, aber wie soll, wie könnte es umgesetzt werden? Ist wirklich anzunehmen, dass die komplexe Vielfalt an Meinungen, Grundsätzen, Anliegen sich alle friedlich nebeneinander berücksichtigt werden können? Ist es glaubhaft, dass die ausländischen Sender völlig frei von politischer Einflussnahme agieren können?
Keine Frage, dass die Auswahl vieler Spielfilme und andere Sendungen an Niveau oft zu wünschen übrig lassen. Aber bei gerade bei diesen spielt parteipolitischer Einfluss überhaupt keine Rolle. Bei den Nachrichtensendungen und Diskussionsrunden ist er angesichts der Ausgewogenheit derer, die zu Wort kommen, eigentlich nicht auszumachen. Wenn, ja wenn man ehrlich ist und bereit, die Dinge zu sehen, wie sie nun einmal sind. Die Parteien mischen doch vor allem bei Personalentscheidungen entscheidend mit; und da geht es eben nicht ohne leben und leben lassen. Nicht gerade wünschenswert, aber auch keine Katastrophe. Mir gefällt auch so manche Be- und Umbesetzung nicht. Das ist aber nicht nur beim ORF so. Solange der ein staatlich-rechtlicher und kein Privatsender ist, werden Einmischungen von Seiten des Staates nicht zu vermeiden sein. Oder will irgend jemand einen permanenten Personalkrieg in aller Öffentlichkeit? Sollte das der Auftrag des ORF ein?