Karol Wojtyla hätte, das scheint gewiss, längst ein großes ,mea culpa' ausgesprochen - wie er das mehrfach überzeugend und seiner Kirche dienlich getan hat. Joseph Ratzinger hat ihn, den Menschenfreund, dabei mit Blick auf ein strenges Kirchenverständnis gern gebremst. Mit einem Schuldbekenntnis hätte der jetzige Papst in der Kirchenkrise, die sich mit der Wucht eines Tsunami, aber dem Tempo einer Schnecke entwickelt, einen Wendepunkt setzen können.
Doch Benedikt XVI. hat mit seinem Brief zu den Missbrauchsfällen in Irland eine Chance verspielt, gehört und verstanden zu werden. Es hätte ein Anfang sein können, der katholischen Kirche Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Es hätte dem Kirchenoberhaupt gut angestanden, eine Gesamtverantwortung zu übernehmen und so die notwendige Reinigung einzuleiten. Die Maßnahmen, die er den Iren ankündigt, reichen nicht aus, um der Kirche in Deutschland und in jenen Ländern zu helfen, in denen der Skandal um die Sexverfehlungen von Priestern noch nicht ans Licht gekommen ist. Der Hirtenbrief stellt sich endlich eindeutig auf die Seite der Opfer und verzichtet auf den früheren oft peinlichen Schutz der Täter. Doch auf der Suche danach, wie irische Priester zu Unholden werden und ihre Kirchenführer mit Vertuschen reagieren konnten, entgleist die Argumentation völlig. Der Papst macht unsinnigerweise „die rasche Transformation und Säkularisierung der irischen Gesellschaft", die Vernachlässigung religiöser Übungen und schließlich sogar falsch interpretierte Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils für das Versagen auf allen Ebenen verantwortlich. So kommt die Kirche nicht aus ihrer Krise heraus.




Dieser "Hirtenbrief" (Vorlagen seit 2002 wahrscheinlich mehr als genug vorhanden...) ist pure Verhöhnung der Opfer, sowohl Irland als auch den deutschen Raum betreffend. Nichts ausser Fassade und Selbstverständlichkeiten. Beobachtet man die Medienmeldungen aus dem Jahr 2002, stellt man fest, dass sie sich von den aktuellen Meldungen gar nicht unterscheien. Vergleich: 21.03.2002: “Papst über Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester erschüttert”, 16.03.2010: “Papst tief bewegt über Missbrauchsfälle“. So ähnlich auch die medienwirksamen "Massnahmen": Nulltoleranz bei Kindesmissbrauch, etc. Diese Kampfparolen stammen aus dem Jahr 2002. Acht Jahre sind vorbei, geändert hat sich gar nichts.
Hohn und Zynismus gegenüber Opfern. Selber schuld, wer dieser Kirche Vertrauen schenkt.
Er verpasst sie nicht, er umgeht sie, will die Chance ja gar nicht beim Schopf ergreifen. Und so ergeht er sich in den sattsam bekannten theologischen Winkelzügen; das kann er, das macht er. Er klammert, angsterfüllt außerstande loszulassen, aus seiner ganzen verbohrten Denkweise auszubrechen. Mag sein, dass er dazu auch schon zu alt, zu müde, zu schwach ist. Und so gleicht er als Vertreter - nein, nicht Gottes!, sondern aller Katholiken - einem, der schwerstkrank, also unheil(ig) ist und sich der Intensivstation verweigert. Die Folge liegt auf der Hand: Es kann nur noch schlechter werden. Mit der Schuld der irischen Priester und Mönche schiebt er auch zugleich auch seine eigene, ganz persönliche in dieser Sache allen möglichen gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen zu. Nicht gerade originell, denn andere oder irgendwelche Umstände für eigene Verfehlungen bis Verbrechen anzugeben, das tun doch von Schulkindern bis zu Angeklagten alle seit eh und je. Und in seinem fatalen Rückwärtsgewandtsein, diesem sturen Festhalten an der Vergangenheit denkt er gar nicht daran, wie es weitergehen könnte. Dass es auch gar nicht mehr weitergehen könnte, das zieht er gar nicht ins Kalkül.
Papst Benedikt XVI. kann "gehört und verstanden" werden, wenn man den Brief aufmerksam liest. Der Papst ist mit den betroffenen Geistlichen sehr hart ins Gericht gegangen.
Und eines darf man nicht vergessen: Würden die Menschen auf Jesus Christus und den Nachfolger des hl. Petrus hören, wäre die Krise nie gekommen. So bleibt dem Papst als heiligem Vater nur die weniger schöne Aufgabe (wie es auch in den Familien oft ist), seine "verirrten Kinder" scharf zurecht zu weisen ...
Der Papst verurteilt die Sünde scharf, nicht aber den Sünder selbst, dem er immer Rettung und Umkehr wünscht; das gestrige Evangelium hätte besser nicht passen können ...
Der Papst ist weder Vater (oder doch? wer weiß!) noch heilig, alles andere als heilig, so wie alle seine Vorgänger und bestenfalls noch zwei Nachfolger auch. Das zu behaupten ist Blasphemie in Reinkultur, denn nach dem NT., auf das sich die Katholiken ja berufen, wenn auch nicht drum scheren, heißt es:
"Ihr sollte euch nicht Vater nennen lassen, denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist." Selbst in der Liturgie findet sich "Du allein bist heilig, du bist allein der Herr!", und auch das bezieht sich nicht auf den Papst, sondern auf Gott allein. Jesus hat nach dem Evangelium einen, der vor ihm niederkniete, abgewehrt: "Steh auf und bete Gott an!" Aber die Päpste nehmen jeden Kniefall vor ihnen huldvoll entgegen. Kinder sind unschuldig (zu Opfern geworden), aber Priester und Mönche sind keine Kinder! Sie sind für ihre Taten wie alle strafmündigen Bürger voll verantwortlich, auch wenn man sie als infantil und extrem unreif einstufen mag. Von "verirrten Kindern" zu sprechen, ist der abermalige Versuch, die Dinge zu bagadellisieren und zu verharmlosen. Damit macht man sich zu Komplizen dieser Verbecher.
Der Papst ist nachgewiesenermaßen mitschuldig; vielleicht tut er sich auch deshalb so schwer, Klartext zu reden.
Zitat Arens "Doch auf der Suche danach, wie irische Priester zu Unholden werden und ihre Kirchenführer mit Vertuschen reagieren konnten, entgleist die Argumentation völlig. Der Papst macht unsinnigerweise „die rasche Transformation und Säkularisierung der irischen Gesellschaft", die Vernachlässigung religiöser Übungen und schließlich sogar falsch interpretierte Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils für das Versagen auf allen Ebenen verantwortlich. So kommt die Kirche nicht aus ihrer Krise heraus. " (Zitatende)
Das ist grob aus dem Zusammenhang gerissen. Die „rasche Transformation und Säkularisierung der irischen Gesellschaft" erwähnt Papst Benedikt XVI. als "Herausforderung". Dies steht unter der Überschrift "An die Katholiken in Irland" und beschreibt vielmehr den Kontext!
Die Argumentation des Papstes ist glasklar und vollkommen schlüssig ...