Neues von Fliehers Popjournal

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Da muss sich der Bono von U2 jetzt was einfallen lassen. Sonst wird's erstens nix mit dem Friedensnobelpreis und zweitens verliert er  seine Position als  unerreichter Held aller Stadien, als Massen-Messias, der rockig und rotzig (also mit Sonnenbrille und Lederjacke) aufmischt, was die Welt quält. Aber es reicht nicht mehr, dass er immer wieder mal ausführlich diniert mit hohen Herren und Damen aus so grauslichen, korrupten Welten wie der Politik oder der Wirtschaft. Bono wird kämpfen müssen, um seinen Ruf als Retter nicht an Barack Obama zu verlieren.

 
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Die Welt wird schöner. Zugegeben: Das betrifft jetzt nicht Hungersnöte, Krieg, Dummheit, Olympische Spiele und andere hoch entwickelte Tugenden der Menschheit. Nein! Dieses Mal ist alles ganz wörtlich zu nehmen. Die Welt wird schöner!

 
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It's the end of the world as we know it", singen R.E.M. Stimmt. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der R.E.M. auf dem Album „Document" im Jahr 1987 den Untergang feststellen, macht stutzig.  Keine Reue, keine Hoffnung und auch keine Angst finden sich  in diesem Lied. Es ist, wie es ist. Aber geht das so, wenn alles untergeht? Warten wir einfach, bis alles aus ist, ohne zu fragen?

 
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Der geistige Horizont reicht locker bis zum opulenten Frühstücksbuffet. Die Oliven und der Schafskäse bleiben übrig. Die Marmelade  und der Frischkäse, beides trägt den gut bekannten Namen von Qualitätsmarken aus der Heimat, müssen dauernd nachgefüllt werden. Und danach gehen die sparsam auftauchenden  Gedanken auf direktem Weg zum Strand, wo seit Tagen der selbe Platz belegt wird. Und abends, wenn man es womöglich mit ganz Fitten zu tun hat, reicht der Horizont zwei, drei Gassen weiter. Da geht's dann schon mal mutig ins Abenteuer.

 
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Na immerhin. Verstehen uns doch - die hier ", sagt der Mann mit nacktem Oberkörper. Strandsand klebt an seinen Oberarmen. „Kaffee. Mit Milch. Zucker", will er. Er redet in Großbuchstaben. Es ist ein Ton, der bei jedem Ober eines halbwegs stilvollen österreichischen Kaffeehauses Ignorieren auf Lebenszeit zu Folge hätte. „Si", sagt die Kellnerin hinter der Bar. „Si, sofort."
 
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Wenn das einer schaffen konnte dann Bond, James Bond. Und natürlich nicht dieses  Brosnan-Weichei (der spielt jetzt ja sogar in einem Abba-Film mit!), dieser Schönling aus gutem Haus mit der Lizenz zum Schmalzabsondern. Die Leistung, von der hier gleich noch die Rede sein wird,  konnte nur einer schaffen: Daniel Craig. Der Mann hat vor zwei Jahren in „Casino Royale" James Bond seine Würde zurückgegeben hat. Dieser Held machte aus der Karikatur eines Helden wieder einen harten Hund. Dieser Mann nimmt jede Festung ein. Und womöglich muss im aktuellen Fall sogar die Verallgemeinerungsform des unbestimmten Artikels zum Einsatz  werden: „ein" Mann nimmt jede Festung ein.

 
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Lieder, von denen sich später herausstellt, dass man sie nicht mehr loswird, tauchen im Leben ja auf wie das Verliebtsein. Ohne Vorwarnung. Plötzlich passiert das. Ohne Gedanken an ein Nachher. Unerwartet. Ohne jede Erklärung. Ohne Peinlichkeit. Und ohne jede Angst, die Welt einfach für einige Zeit verschwinden  zu lassen. Denn das Verlieben in Musik hat freilich auch etwas damit zu tun, den Rest der Welt für ein paar Minuten, ein paar Songs lang auszublenden. Im Gegensatz zur Liebe allerdings haben Lieder den enormen Vorteil, dass ihnen selten der Schmerz der Enttäuschung folgt.

Manches, was sich zu Beginn gut anhört, mag seine Bedeutung verlieren. Womöglich verschwindet es auf lange (oder ewig, was freilich heute, da das Ewig nichts gilt, noch nicht zu beantworten ist) im Archiv des Plattenregals. Aber im Moment des Auftauchens, im Augenblick, da die Musik gänzlich Besitz ergreift von einem, da wird man euphorisch und sagt Dinge wie: „Der Sommer ist gerettet!"

Das nun hier die Rede von solcher totaler Verliebtheit ist, hat alles mit der Musik zu tun, die die flämische Theatergruppe Needcompany in gut zwei Wochen bei ihrem Gastspiel im Rahmen der Salzburger  Festspiele bieten wird. Im Netz ist die Musik zum Stück „Das Hirschhaus", das auf der Pernerinsel in Hallein gezeigt wird, schon seit einiger Zeit zu hören. Häppchenweise, wie es Sitte ist in rasanten Download-Zeiten, wurden die Songs verabreicht. Rechtzeitig zur Premiere wird alles auch auf CD zu haben sein.
Es ist ganz und gar wunderbare Popmusik, die da aus dem Nichts auftaucht.  Denn wer rechnet damit, dass in öden Zeiten wie diesen, da angeheiratete Staatspräsidentinnen mit hohlem Schönklang die Charts stürmen und Klingelton gewordenen „Pop"-Songs die Welt mit Lärm verschmutzen, eine Theatergruppe einen Rettungsring wirft?!

Wenige Gründe gab es in den vergangenen Monaten, sich Hals über Kopf in irgendeinen Popsong zu verlieben. Die Musiker der Needcompany liefern gleich mehrere Gründe, an die Kraft des Pop als poetische und gesellschaftspolitische Kraft  zu glauben. So gut wie sich diese paar Songs, allesamt fein ausgetüftelt und voller Emotion, die aber niemals anbiedernd wird, anfühlen, so wie diese Lieder die letzten großen Dinge des Lebens, das Sterben und die Liebe, das Sehnen und die Enttäuschung angehen, kann in diesem Sommer nichts mehr schief gehen.

 
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Es! Ist! Heiß! Sehr! Seit Tagen! Bhrrrrrrrrrrrrr ist das dazu gehörende Geräusch. Es soll dem  Zustand der Bedrückung (Hitze, Schweiß, Erschöpfung) ebenso Ausdruck verleihen wie seine Verwendung einer gewissen Erleichterung und natürlich der Dokumentation des  Unmuts über die aktuelle Situation dienen. Bhrrrrrrrrrrrrr also.

 Diese Geräusch sieht folgendermaßen aus: Die Lippen leicht nach vorn stülpen. Viel, richtig viel Luft durchblasen. Dadurch geraten die Lippen in Bewegung. Sprich: Sie beginnen heftig zu vibrieren, ja geradezu zu flattern (was sich kitzelig anfühlt und sicher auch lustig aussieht, aber selbst sieht man es ja leider nicht - außer man übt vor dem Spiegel, was wiederum schon ein bisschen sehr irre sein würde).

Wichtig dabei: Möglichst wenig Speichel sollte sich im Mund bilden, denn sonst wird aus dem Bhrrrrrrrrrrrrr recht leicht und schnell gefährlich für etwaige Gegenüber ein Pfutschuschlrrr, also ein Pfuigacki, wie Kleinkinder triumphierend angewidert sagen würden, wenn Eltern oder andere Erwachsene einen ekeligen Blödsinn treiben. Und so heiß kann es nämlich auch gar nicht sein, dass ein Gegenüber die Absonderungen, die sich im tragischen Fall zwischen den vibrierenden Lippen den Weg bahnen, als erfrischend empfinden würde. Da ist es besser, man lädt sein Gegenüber zu einem kühlen Drink ein. Aber mit ein bisschen Training bleibt bei der stillen, einsamen Beschäftigung mit dem Bhrrrrrrrrrrrrr eh alles trocken, während Leiberl, Hose und alles andere auch schon allein vom Sitzen und Nichtstun durchgeschwitzt werden.

 Nun soll das  keine Beschwerde über den Sommer sein. Im Gegenteil. Der Sommer ist gut und zum Baden da   und zum Bergsteigen und zum Grillen und zum Gastgartenbiertrinken und  je heißer desto lieber und verstehe  die Klagen, dass es zu heiß sei, wer will. Denn: Niemals kann es zu heiß sein. Andererseits: Für Hirnarbeit wie diese Zeilen  ist Hitze - Sie haben's schon bemerkt -   nicht so gut.

Aber 's ist halt Sommer. Da hat man Zeit, während man kocht beim Schreiben. Die Tage sind auch schön lang und da fallen einem Sachen ein, an die man sonst nie wagt zu denken, weil ja so viel zu tun ist - und schon gar nicht kommt man auf die Idee, solche Sachen auch noch aufzuschreiben. Aber im Sommer! Heiß! Was für ein Spaß!

 
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Wie sich das Bild vom wahren Leben ergibt, wird entschieden in den Regieräumen und Übertragungswagen der Fernsehstationen. Das Augenmerk liegt bei weltweiten Bildschaltungen auf einprägsamer Wiederholung - und weil die Technik längst alle Stückerl dazu spielt, wird bei der Wiederholung extrem ins Detail gegangen.

 So häufig, wie  in den vergangenen Wochen  während der Fußball-Europameisterschaft die Zeitlupe und ihre noch beeindruckendere Schwester, die Superzeitlupe, zum Einsatz kommen, möchte man fast von einem künstlerischen Mittel, einem kreativen Ausdruck der Schaffenskraft von Regisseuren und Kameramännern sprechen. Da schrauben sich in Slowmo angreifende Spieler über ihre verteidigenden Kollegen, jede Verzerrung im Gesicht ist zu sehen. Dann klatscht der Ball aufs Hirn, deformiert die Gestik für einen ewigen Moment (Superslowmo!) zu einer Fratze. Dann die Entspannung und mit (Spiel-) Glück das Lächeln, mit dem der Torjubel eingeleitet wird.

 Was sich in Echtzeit innerhalb einer halben Sekunde abspielt, lässt sich wegen der hoch technologisierten  Weiterentwicklung der Zeitlupe - übrigens erfunden vom Österreicher  August Musger im Jahr 1904 -  schier ewig studieren. Das macht uns dann vor dem Fernsehkastl zu Herren über die Wahrheit (im Gegensatz zu den armen Schiedsrichtern, die mit der Wirklichkeit zurechtkommen müssen). Wir sind Herr des Wissens, weil wir in der gegenwärtigen Schnelligkeit, in der uns die echte Welt um die Ohren knallt, ja überhaupt nicht mehr unterscheiden können zwischen wahr und falsch, zwischen gut und böse, zwischen wichtig und verzichtbar.

Interessant hingegen ist, dass sich die wunderbare Aufbereitung in Zeitlupe in diversen Promimagazinen, diesen viel gesehenen Wichtigkeitshows der Gegenwart, bisher noch nicht durchgesetzt hat. Geht auch nicht! Dort auf den Laufstegen erfundener Wichtigkeit geht alles so schnell, ist alles so rasant bedeutend, bewegt sich alles dermaßen ohne Limit am Rand des Superstardaseins, dass keine Zeit  bleibt für Wiederholungen, weil sich  das Gleiche am nächsten Tag ja eh schon wieder abspielt. Was sollte da zwischen Paris Hiltons und Lindsay Lohans Ausfällen, zwischen Seitenblicken und Glamourproduktion auch in Superslowmo wiederholt werden?  Es kann ja kein Ball aufs Hirn klatschen, wo man ein Hirn nur  vermuten kann.

 
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Die Wirklichkeit schaut so aus: Protziger Hoteleingang in der Innenstadt. Davor parkt ein roter Bus mit dicker Sponsorenaufschrift. Geparkt quer über einen Zebrastreifen. Warnblinkanlage als untrügliches Zeichen von Wichtigkeit. Ein paar unüberwindbare Sicherheitskräfte. Zwei Polizisten, die den Restverkehr unter Kontrolle halten. Die Hotelpagen irrlichtern herum. Ein paar Männer in dunklen Anzügen schauen streng. Ihre Wichtigkeit und hochrangige Bedeutung lässt sich an den dicken Akkreditierungen erkennen, die über fette Bäuche baumeln.

 Fußball-Europameisterschaft aus der Nahperspektive in der Salzburger Altstadt. Der Hoteleingang wird deshalb belagert von ein paar Dutzend Fans in gelb-roter Kleidung, mit Schals und Hauben und Kapperl sind sie ausgestattet, und die  Nationalfarben haben sie sich ins Gesicht geschminkt.

Und wenn jetzt nicht die Spanier, die wunderbaren Kurzpasskönner, gleich aus dem Hotel kämen, man müsste sich aufregen, weil es so einfach geht, zwei, drei Straßenzüge lahm zu legen. Aber weil die spanischen Spieler, die Puyols, Fabregas' und Villas, jetzt bald in den Bus steigen werden, weil man sie ganz echt sehen wird, sie anreden wird können, wird jedes Chaos verziehen. Und dann kommen sie. Und alles zerbröselt. Der Bus bleibt ein roter Bus, der ein paar Männer, kleiner als angenommen, verschluckt. Vorher schreiben sie brav  und freundlich  Autogramme, lassen Fotos mit sich machen.
 Die Wirklichkeit, der wir hier begegnen, löscht die gewohnte Realität aus, unter der wir sonst Fußball auf höchstem internationalen  Niveau wahrnehmen. Da sind tolle Kamerafahrten und Nahaufnahmen, die jeden Schweißtropfen  ins Wohnzimmer liefern. Das Fernsehbild macht - fokussiert auf das Wesentliche - zum Helden, wer   ein Mensch mit besonderer Begabung ist.

  Wer in den 1970er oder 1980er Jahren (oder noch früher) begonnen hat, Fußball (oder auch Popmusik) zu lieben, dem kam einst schon die Idee  geradezu unglaublich vor, dass einer der Helden einmal auf der anderen Straßenseite daherkommen könnte. Und ebenso  unglaublich erschien es, wenn ein Kicker einmal in einer anderen Sendung als den Sport-Kurznachrichten oder der Sportschau auftauchte.  Heute ist es genau umgekehrt. Heute grinsen uns die besten Kicker überall entgegen, dribbeln an exotischen Plätzen durch Werbefilme, stehen Schlange mit anderen Celebrities auf roten Teppichen, werden durch Talkshows gereicht. Ganze Sender senden nichts als Fußball. Und plötzlich kommt einem das wirkliche Bild, die Szene auf der Straße vor dem Tophotel unwirklicher vor als das, was das Fernsehen vorsetzt. Wir sind trainiert auf das übermittelte, fein zurechtgeschnittene  Bild, auf den Betrug, der in der Ausblendung jedes Rundherums besteht.  „Das Leben verliert so, wenn man's kennen lernt", heißt es in einem Programm von Josef Hader. Ich will jetzt Fernsehen. Nur. Mehr. Immer. Echt!

 
Helmut Schliesselberger

Satirische Beobachtungen auf Politik und Gesellschaft: Die SN-Redakteure Alexander Purger, Helmut Schliesselberger, Bernhard Flieher, Viktor Hermann und Gerhard Steininger mit nicht immer ernst gemeinten Bemerkungen zum Zeitgeschehen.

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