Satire

Satirische Beobachtungen auf Politik und Gesellschaft: SN-Redakteure und ihre nicht immer ernst gemeinten Bemerkungen zum Zeitgeschehen.

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Dezember 2006 Archive

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Eh super, dass bald alles besser neu anfängt. Weihnachten ist überstanden und Silvester ist wurscht, weil das unter weniger Erwartungsdruck stattfindet als das Christbaum-Anzünden. Zu Silvester hemmt das Gemisch aus überlieferten Familienritualen, verordneter Besinnlichkeit und wahnsinnigen Weihnachts-Popliedern die Stimmung nicht so brutal wie an Heilig Abend. Last Christmas war wie immer: Es wird immer glei dumpa, es wurde aber viel zu langsam Nacht. Jetzt aber die pure Stimmungsfete zum Jahresende: Der Stille-Nacht-Zwang wird aufgelöst von Hey-Baby-Lockrufe. Live is’ nämlich Life und zwar genau jetzt, weil nach Fondue, Feuerzangenbowle und dem Feuerwerk erinnert sich ohnehin nur noch ein Rest von Gehirnzellen, an die letzten Stunden.

 
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Eh super, was die brutale  Ausweitung des Angebots an Fernsehprogrammen Gutes bringt. So etwa steigt die Quote des Wegschauens, also gibt’s mehr Zeit  für anderes. Weshalb wir jetzt in der Kripperlausstellung stehen. Der Nachwuchs   soll ja wissen, wie das Alpenland die Geburt des Abendlandes abbildet.  Und wenn das Abendland – bedroht von Terroristen, politischer Korrektheit und Nichtraucherlobby – dem Untergang geweiht ist, dann wenigstens will man  reinen Gewissens sein und dem Nachwuchs gezeigt haben, was da untergeht. Oder wie  Stöllinger früher gern sagte: „Ich weiß immer, welcher Schluck mir die Haxen aus g’rissen hat.“

 
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Eh super, dass das Kind außer  Zigarettenautomat bedienen, Auto fahren, Lügen und Betrügen alle Kulturtechniken beherrscht, die zivilisiertes Leben möglich und freudvoll machen. Da brechen sonst ja Eltern in Unruhe aus, wenn die Kleinen schon können, was sie gar nicht dürfen. (Warum eigentlich nicht? Diktiert das die Körpergröße oder doch die Bequemlichkeit der sich zum Besuch angemeldeten Dorfingers?) Ja woher kannst du denn das, werden die Mini-Terroristen dann gefragt, und Dudududuuu! das solltest aber nicht tun, wer hat dir denn das überhaupt gezeigt. Im Notfall – also wenn, wie seit einer halben Stunde, die Dorfingers tatsächlich da sind – sagt die Lolinger eh von allein, dass sie das war. Und stolz schaut sie drein, dass es eine Freude ist. Es kann nämlich auch eine Mordsgaudi sein, wenn das Backrohr glüht und drinnen Eiswürfel ihren Aggregatzustand rasant in Richtung  Schnell-Putzfetzen!-Her!!-Bitte!!! verändern.

 
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Eh super, dass beim Friseur, also bei keinem Friseur, ein Termin zu kriegen ist. Das beweist,  dass die Privatwirtschaft brummt. Wenn Scheren und Kämme glühen, muss uns das alle freuen. Freilich wird bei Friseuren wahnsinnig viel Geld nutz- und sinnlos rausgeschmissen. In stillen Tagen wie diesen, da jede Menge Menschenansammlungen auf der Jagd nach Geschenken sind, da Massengedränge an Glühweihständen herrscht, lässt sich im Menschentrubel einfach  studieren, wie schwer es Friseure haben müssen.

 
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Eh super, dass sich die Telefonkonzerne so um den Nachwuchs scheren. Rührend, wie da im Werbesport neuerdings ein Mädchen ihr früheres Leben (brave Zöpfe, fades Kleid, hängende Mundwinkel) beklagt und sich über das neue (flotter Pagenkopf, hippe Farben, glänzende Augen) freute. Das Neue hätte es nicht gegeben ohne das eigene Handy.
 
Mit der Telefonie kann man ja früh anfangen. Und früh anfangen verspricht nach  alter Disney-Methode nachhaltig Gewinnzuwachs. Zum Landausflug bei Disney, so lautet das Firmencredo, soll jeder zumindest zwei Mal im Leben kommen, damit die Kasse stimmt: als Kind und als Vater oder Mutter mit den eigenen Kindern. Gegen den bösen Verdrängungswettkampf auf dem Markt immer währender Kommunikation sind die Disney- Grundsätze  aber nur ein Lercherl.

Der Besitz eines multifunktionalen Sprech-Hörgeräts am Ohr macht ja schon vor  dem Abschluss der Sprachentwicklung Sinn. Ein babyisches „Hallihalli, dududu, Omama dada“ bringt die Leitung zum Schmelzen und die Omama zum Weinen. Vorbildliche Leistung  auf dem Gebiet der Früherziehung muss also jener Marketingabteilung bescheinigt werden, die in die vorweihnachtliche Schlacht um Netzanteile das liebe, kleine Mädchen ins Rennen um die unschuldigen Seelen  schickt.

Früher, sagt das Mädchen  im Spot, habe sie  Flöte gespielt. Flöte! Die Seuche der musikalischen Früherziehung. So eine Flöte ist ja nur billig und bietet einen Arme-Leute-Klang. Haben nicht die abgesandelten Hirten auf den Feldern rund um Bethlehem Flöte gespielt? Hirten? Schafe? Feld? Igitt! Untertroffen wird die Flöte nur noch von Mundharmonika, Maultrommel und Kamm mit Seidenpapier. Aber die Flötenzeit ist eh vorbei. Jetzt hat die Kleine nämlich ein „Music Handy“ (was nebenbei der läppische Versuch ist, dem wunderbaren iPod Konkurrenz zu machen). Auch beim „Music Handy“ muss man  mit den Fingern flink sein bei der Bedienung, aber es ist sozial natürlich weit höher stehend als eine Flöte. Und es hat einen herrlichen Nebeneffekt: Das atonale Geflöte und Geträller rund um den  Christbaum ist vorbei. Zeitgemäße Besinnlichkeit – sagen wir mal in Form von Whams  „Last Christmas“ – kommt per Anruf ins Wohnzimmer. Und damit wieder Ruhe herrscht, muss man den Kleinen keine  auflegen, sondern nur das Telefon.

 
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