Kollers Klartext

Der stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und Journalist des Jahres 2010 ist der beste Kenner der Innenpolitik. Hier schreibt er Klartext und zeigt die Hintergründe der österreichischen Politik auf.

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Sprung in die Nesseln

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Selbstdemontage. Da die Blauen sich zum wiederholten Male als nicht regierungsfähig entpuppen, ist ein Fortbestand der SPÖ-ÖVP-Zwangsehe über die nächste Wahl hinaus wahrscheinlicher denn je.Es waren ernüchternde Tage für all jene, die Heinz-Christian Strache bereits auf dem Sprung in den Kanzlersessel sahen. Der Sprung endete in den Nesseln. Die vermeintliche Kanzlerhoffnung hat sich innerhalb weniger Tage nachhaltig demontiert.
 Freitag vor einer Woche, beim Burschenschafterball, entfuhren dem Freiheitlichen-Chef seine verqueren „Juden"- und „Reichskristallnacht"-Assoziationen. Sonntag in der TV-„Pressestunde"  warf er sich in bester ewiggestrigen-Manier gegen ein Denkmal für Deserteure aus der Nazi-Wehrmacht auf die Schienen (und setzte im gleichen Atemzug das österreichische Bundesheer mit der NS-Wehrmacht gleich). Dienstag darauf teilte der Bundespräsident mit, dass er Strache einen Orden verweigere. Und am Abend des selben Tages redete sich der FPÖ-Chef in einem Interview mit Armin Wolf in der ZiB 2 um Kopf und Kragen.

Eine schlechte Woche also für einen, der ausgezogen ist, Bundeskanzler zu werden. Und eine noch viel schlechtere Woche für die, die den blauen Mundwerksburschen allen Ernstes für kanzlertauglich halten. Strache hat bewiesen: Er kann's nicht. Er ist nicht einmal tauglich für ein Regierungsamt. Das gleiche gilt für seine Partei, deren führende Funktionäre in schöner Regelmäßigkeit über den äußerst rechten Rand der Gesellschaft purzeln  - diverse Verurteilung wegen Verhetzung inklusive, was aber kein Ausschließungsgrund für ein blaues Parlamentsmandat ist, stimmt's, Frau Susanne Winter?
Eine schlechte Woche auch für die ÖVP, die sich, genervt von den andauernden Koalitionsquerelen mit der SPÖ, die blaue Option offen halten wollte. Parteichef Strache war in den vergangenen Monaten gern gesehener Gast bei schwarzen Spitzenpolitikern. Sie hofierten ihn und verhandelten mit ihm auf gleicher Augenhöhe.
Man müsste am Verstand der ÖVP zweifeln, würde sie aus dem Verhalten des FPÖ-Chefs nicht ihre Konsequenzen ziehen. Da die Blauen sich als nicht regierungsfähig entpuppten, ist ein Fortbestand der SPÖ-ÖVP-Koalition über die nächste Wahl hinaus wahrscheinlicher denn je. Sollte nicht eine der beiden Parteien eine Mehrheit mit den Grünen und/oder mit dem brustschwachen BZÖ zustandebringen, sind SPÖ und ÖVP zur Aufrechterhaltung ihrer Zwangsehe verdammt.
Die mangelnde Regierungsfähigkeit, welche die FPÖ und ihr Obmann in der vergangenen Woche unter Beweis gestellt haben, ist keine wirklich neue Erkenntnis.  Ein Blick auf die Liste jener, gegen die die Justiz derzeit wegen vermuteter Korruptionsdelikte ermittelt oder prozessiert, hätte zur selben Erkenntnis geführt. Karl-Heinz Grasser. Hubert Gorbach. Herbert Scheibner. Gernot Rumpold. Uwe Scheuch. Walter Meischberger. Mathias Reichhold. Sie alle sind oder waren Teil der blauen Gesinnungsgemeinschaft. Sie alle stehen im begründeten Verdacht, ihre Ämter zur persönlichen Bereicherung oder zumindest zur Auffettung ihrer Parteikassen verwendet zu haben.  Eine Konzentration derartiger Unschuldsvermutungslämmer. in einer einzigen Regierung(spartei) ist eine Schande für unser Land. Dass der Großteil der betroffenen Herren 2005 zum BZÖ wechselte, spricht zwar für die Sauberkeitsbemühungen des derzeitigen FPÖ-Chefs Strache. Doch die blauen Parteistrukturen sind die gleichen geblieben. Immer noch ist die FPÖ ein Karrieretrampolin für Glücksritter aller Art. Immer noch kann von einer Regierungsbeteiligung einer solchen Glücksritterpartei nur abgeraten werden.


 

1 Kommentar | Kommentieren

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    Sehr geehrter Herr Koller,

    vielen Dank für Ihre einfachen, treffenden Worte, eben Klartext, bezüglich "Sprung in die Nesseln".
    Man muss der Arroganz des HC Strache eigentlich dankbar sein, seine Worte beim Burschenschafterball wie "Reichskristallnacht" und die "neuen Juden" ist die Demaskierung seiner selbst und der FPÖ.
    Wer jetzt noch nicht begriffen hat, in welche Richtung uns dieser Herr Strache führen will, ist unbelehrbar.
    Ekelhaft auch die Hofierung seitens ÖVP an HC Strache, egal mit wem, Hauptsache wir können regieren, mag wohl die Devise der Volkspartei lauten. FPÖ und BZÖ entstammen einer Geisteshaltung, daher sind beide nicht regierungstauglich. Dass die Bevölkerung angesichts der Korruptionen, bei denen es um Millionen Euro geht, von der Politik angewidert ist, darf nicht verwundern.
    Es wurde und wird gepackelt und vertuscht, was das Zeug hält, da soll sich mal die ÖVP scharf bei der Nase nehmen und sagen "mea culpa" ,denn Schüssel hat uns die Koalition mit den Blauen/Orangen auf's Auge gedrückt. Herr Schüssel hat sich leise und unbemerkt aus dem Parlament als Abgeordneter
    davon geschlichen, und überlässt den ÖsterreicherInnen den Scherbenhaufen.
    Es sind PolitikerInnen mit "Rückgrat" und Political Correctness gefragt, anders wird es keine "gute" Politik in unserem Land geben.

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