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Salzburg | Hauptsache Sport

"Männer geben Vollgas, wenn ich sie überhole"

Von Gerhard Öhlinger | 17. Dez 2012 um 09:06 | Kommentare (0)

© SN/

Michaela Eßl ist die heimische Galionsfigur der Trendsportart Skibergsteigen. Die   Juniorenweltmeisterin 2010 aus Abtenau freut sich auf die neue Saison ebenso wie auf sehr traditionelle Weihnachten.  
 
Weil gerade die Zeit des Wünschens ist: Haben Sie sich als Mädchen gewünscht, einmal Sportlerin und Polizistin zu werden?
Eßl: Ich hatte eigentlich gar keine konkreten Berufswünsche.  Rennen zu fahren war lang  kein Thema, obwohl ich  Sport immer sehr gern  gemacht habe. Skitouren bin ich mit meinem Papa schon  gegangen, seit ich sechs Jahre alt war.  Er ist Rennen gefahren und so bin ich auch dazugekommen.
 
Haben Sie als Kind bestimmt: "So, jetzt kehren wir um, ich kann nicht mehr."?
Eßl: Das hat's nie gegeben. Ich wollte selbst immer unbedingt bis zum Gipfel rauf. Es hat mir getaugt, auch wenn es manchmal härter wurde. Aber Jammern hat es nicht gegeben.
 

War Ihr Vater ein sportliches Vorbild für Sie?
Eßl: Ja, ich habe als Kind  zu meiner Mama gesagt: "Ich möchte einmal  schneller sein als der Papa." Sie hat gemeint, das wird nicht so leicht gehen, weil Männer  schneller sind. Aber  jetzt bin ich schon knapp dran an ihm . . .

Heute gehen Sie bei den Massenstartrennen an vielen Männern locker vorbei. Wie nehmen die das auf?
Eßl: Das gefällt vielen überhaupt nicht. Wenn sie merken, dass da eine Frau kommt, geben sie noch einmal Vollgas. In Österreich muss ich mich oft einfach mit Männern vergleichen, weil die Dichte bei den Damen eher gering ist.
 
Obwohl es  Skibergsteigen heißt, geht es bei Ihnen nicht nur bergauf.
Eßl: Das ist nur bei Vertical-Rennen der Fall. Beim sogenannten Individual geht es zwischen den Anstiegen auch mehrmals wieder den Berg runter. Außerdem gibt es Tragepassagen über Grate und steile Abschnitte, wo die Ski abgenommen werden und man auf Steigeisen wechselt. Das sind meine Lieblingspassagen, weil ich da viel aufholen kann.
 
Noch ein Vorurteil ist, dass mittelalte  Herrschaften den Sport dominieren . . .
Eßl: Die Besten waren früher immer im Alter zwischen 30 und 40. Das hat sich geändert, auch Junge unter 25 drängen jetzt nach.
 
Haben Sie schon einmal bei einem Rennen die Ski hingeschmissen und aufgegeben?
Eßl: Nein, aber manchmal geht es schon so "zach", dass man sich denkt, jetzt wäre gut, wenn der Schuh oder der Ski bricht. Aber oft  entwickelt sich  das Rennen eh anders und es schaut dann gar kein so schlechtes Ergebnis raus.
 
Haben Sie sich schon einmal bei einem Rennen verirrt?
Eßl: Verirrt nicht, aber im vorigen Winter ist mir einmal bei einer Abfahrt ein Torfehler passiert. Das hat mir prompt fünf Strafminuten eingebracht und im Endeffekt Platz fünf im Gesamtweltcup gekostet.
 
Haben Sie schon Pläne für das Jahr 2022?
Eßl: Noch nicht wirklich . . .
 
Es könnte sein, dass  Skibergsteigen bis dahin olympische Disziplin ist.
Eßl: Wenn unser Sport  olympisch wird, möchte ich auf alle Fälle  an den Start gehen. Das ist schon ein großer Ansporn.
 
Im Gegensatz zu den Alpinen gehört Österreich im Skibergsteigen nicht zu den Topnationen. Was haben uns Italien, Spanien oder Frankreich voraus?
Eßl: Bei den Großereignissen merkt man den Unterschied schon daran, dass sie  viele Physiotherapeuten, Masseure und  Betreuer an der Strecke mithaben. Sie reisen außerdem mit größeren Teams an und haben mehr Spezialisten. Bei uns laufen die meisten mehrere Disziplinen, was einen sehr beansprucht. 
 
Wie war das, als Sie bei Ihrem Einstieg ins Olympiazentrum Salzburg zum ersten Mal mit Trainingsplänen konfrontiert wurden?
Eßl: Mir ist das anfangs total komisch vorgekommen.  Vor allem das Krafttraining war hart und ungewohnt. Vorher habe ich halt länger trainiert, wenn schönes  Wetter war, und sonst kürzer. 
 
Ist es nicht anstrengend, nach einem Nachtdienst bei der Polizei noch trainieren zu müssen?
Eßl:  Mir taugt es mehr, wenn ich gleich nach dem  Nachtdienst trainiere. Dann lege ich mich nachmittags hin.
 
 Können Sie als künftige Alpinpolizistin Beruf und Sport kombinieren?
Eßl: In der  Ausbildung mache ich Lawinen-, Eis- und  Kletterkurs und bin da viel im Gelände. Das dauert  zwei Jahre, dann bin ich Hochalpinistin. Ich bin dann zuständig, wenn im alpinen Bereich etwas passiert.
 
Als Leichtgewicht haben Sie sicher Vorteile. Wie hält man das Gewicht?
Eßl: Das wird beim Sport verbrannt. Ich habe immer so um die 52 Kilo. Ich war auch schon unter 50, aber da hat der Körper wenig Abwehrkräfte. Bei uns in der Familie ist das Veranlagung, meine Mama und meine Schwester  haben auch die gleiche Figur. Ich schaue aber auch  auf die Ernährung.  Ich backe sehr gern selbst, etwa Brot und natürlich jetzt auch Kekse.
 
Oben auf dem Berg ist man näher bei Gott - sind Sie ein gläubiger Mensch?
Eßl: Wir sind sehr gläubig aufgewachsen. Wenn man vor einem Rennen unsicher ist, ist es gut, sagen zu können:  "Bitte, hilf mir." Oder wenn man das Gipfelkreuz erreicht hat: "Danke,  dass ich es geschafft habe."
 
Was hat am Sonntag Vorrang: eine schöne Tour oder die Kirche?
Eßl: Ich sage immer, Kirche und Glaube sind verschiedene Dinge.
 
Wie schaut Weihnachten bei Familie Eßl aus?
Eßl: Zu Heiligabend machen mein Papa und ich immer  eine Weihnachtstour, sitzen   gemütlich auf einer Hütte und fahren dann heim.  Bei uns wird auch noch  das Rauchengehen als Brauchtum gepflegt.  Am Stefanitag geht dann  mit dem Bergfex-Sprinter in St. Martin unsere Saison los.
 
Sportliche Quereinsteigerin
Michaela Eßl (geb. am 27. Oktober 1988) ist in Abtenau aufgewachsen. Erst mit 18 Jahren bestritt sie ihre ersten  Rennen im Skibergsteigen. Schnell folgten Erfolge und die Aufnahme in das Nationalteam des österreichischen Fachverbands ASKIMO. 2010 holte sie bei der Weltmeisterschaft in Andorra Gold im Individual sowie Bronze im Vertical und in der Staffel, jeweils in der Espoirs-Klasse (U23). In Österreich feierte sie Siege bei allen wichtigen Bewerben wie Laserzlauf, Achensee Xtreme, Dachstein Xtreme und Mountain Attack.

Bild: SN/Schaad Foto