Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Im Reich der wilden Tiere und verstörender Verniedlichung

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Immer wird von Gewalt geredet, der Brutalität der Bilder. Wirklich böse aber ist vielmehr, dass Verharmlosung und Verniedlichung zu bedeutenden Kulturtechniken geworden sind. Siehe: Tierfilme.

Löwen und Südafrikanische Seebären sind Sympathieträger. Geschmeidig beide. Kuschelig. Erst recht, wenn sie jung sind.  Hyänen haben da Nachteile. Die sind auch als Kinder recht unansehnlich mit ihrem Gebiss und den Riesenohren. Lolinger widerspricht. Geh, die ist doch lieb, die Tiluda. Der Tiluda, einer Tüpfelhyäne, sind wir auf der Spur. Im Fernsehen per  Tier-Doku. Mit ihrer Mama, Rangana, auch Chefin des Rudels, streift Tiluda durch die Savanne. Wir sind hautnah dabei. Tag und Nacht. In gemächlicher Breite, angenehmem Tempo und schier romantischen Bildern.  Es wird erzählt, dass „Tiludas Familie  gefährlich nahe an der Gefahr dahin schleicht". Gefährlich  lungert in der Savannen-Nachbarschaft  nämlich eine Löwenbande (dem  Kleinen  gaben die Tierfilm-Drehbuchautoren den Namen Samba). Leichter Grusel  auf dem Sofa. Zittern um die Hyänen.  Nach Hollywoodmanier werden die Tiere, Raubtiere in freier Wildbahn dem Gesetz Darwins unterworfen, vermenschlicht, bekommen Namen, rühren ans Kinderherz. Es wird ein Melodram erzeugt. Als würden George Clooney und Michelle Pfeiffer sich belauern. Nur fressen sich der Clooney und die Pfeiffer nicht, sondern kuscheln. Dass das  Hyänen und Löwen auch tun, wird Lolinger vorgegaukelt. Und es hilft auch die durch Tierbücher  fundierte Erklärung nicht, dass Hyänen ordentlich  zubeißen können. Zum Beispiel Schabrackenhyänen in Namibia, die  sich gern ins Fell der  Südafrikanischen Seebären verbeißen, bis die tot sind. So geht das im Tierreich. Und als am Ende der Doku in einer schnell geschnittenen Sequenz die endgültige  Wahrheit kommt, als Tiluda gejagt und erlegt  wird,  herrscht Schockstarre. Hyänen-Familie zerstört, die wissbegierige Volksschülerin am Sofa verstört. Denn selbstverständlich endet die Verniedlichung als blutiges Drama. Muss so sein, Und dass das überhaupt  ein solches Drama, ein Kinderherz zerreißendes   ist, liegt an der unerhörten Verharmlosung, mit der von Tierfilm-Drehbuchschreiber eine quasi-familiäre Idylle erfunden wird. Idyllen aber gibt es nicht. Es wird gefressen. In allen Richtungen. Das ist die Wahrheit, aber die ist pädagogisch offensichtlich nicht  wertvoll und   politisch unkorrekt. Es gab einmal Tiersendungen die hießen „Im Reich der wilden Tiere". Ein Titel als Programm. Ein Programm ohne Glättung der Natur durch  Liebreden und Beschützergetue.   Mit Karl May ritt man auch „Durchs wilde Kurdistan" und nicht „durch das Gebiet einer unterdrückten ethnischen Minderheit im Nahen Osten". Heute heißen Tiersendungen „hundkatzemaus", „Die „Tier-Nanny" oder „Eisbär, Affe & Co." Da wird gepflegt und gestreichelt und  verhätschelt und personalisiert. Das schafft  Nähe. Wurscht ist das,  wenn  Hunderl,  Elefanterl  oder Wildschweinderl  überleben. Und erschütternd furchtbar ist es, wenn, wie im Western, beim Showdown einer erledigt wird, wie das halt so ist.  Selbst beim Blick ins Reich der Tiere  erleben wir die  Ent-Realisierung  der Welt. Es regiert Verschönerung der Normalität, eine Vertuschung, die nur Halbwahrheiten produziert.

 

1 Kommentar | Kommentieren

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    Sehr geehrter Herr Flieher! Sie haben Recht, Verniedlichung und Vermenschlichung können die Sichtweise der Kinder auf die Vorgänge in der Natur verzerren. ABER: Zu keiner Zeit waren die Informationen über das Leben von Wildtieren so vielfältig und dank der Filmtechnik so einprägsam wie in den letzten, sagen wir drei Jahrzehnten. Die Einstelllung zur Natur und deren Protektion hat sich zumindest zum Positiven gewendet. Rein wissenschaftliche Sendungen, solche gibt es doch auch einige, vermeiden die etwas verzerrende Sicht ohnehin.

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