Löwen und Südafrikanische Seebären sind Sympathieträger. Geschmeidig beide. Kuschelig. Erst recht, wenn sie jung sind. Hyänen haben da Nachteile. Die sind auch als Kinder recht unansehnlich mit ihrem Gebiss und den Riesenohren. Lolinger widerspricht. Geh, die ist doch lieb, die Tiluda. Der Tiluda, einer Tüpfelhyäne, sind wir auf der Spur. Im Fernsehen per Tier-Doku. Mit ihrer Mama, Rangana, auch Chefin des Rudels, streift Tiluda durch die Savanne. Wir sind hautnah dabei. Tag und Nacht. In gemächlicher Breite, angenehmem Tempo und schier romantischen Bildern. Es wird erzählt, dass „Tiludas Familie gefährlich nahe an der Gefahr dahin schleicht". Gefährlich lungert in der Savannen-Nachbarschaft nämlich eine Löwenbande (dem Kleinen gaben die Tierfilm-Drehbuchautoren den Namen Samba). Leichter Grusel auf dem Sofa. Zittern um die Hyänen. Nach Hollywoodmanier werden die Tiere, Raubtiere in freier Wildbahn dem Gesetz Darwins unterworfen, vermenschlicht, bekommen Namen, rühren ans Kinderherz. Es wird ein Melodram erzeugt. Als würden George Clooney und Michelle Pfeiffer sich belauern. Nur fressen sich der Clooney und die Pfeiffer nicht, sondern kuscheln. Dass das Hyänen und Löwen auch tun, wird Lolinger vorgegaukelt. Und es hilft auch die durch Tierbücher fundierte Erklärung nicht, dass Hyänen ordentlich zubeißen können. Zum Beispiel Schabrackenhyänen in Namibia, die sich gern ins Fell der Südafrikanischen Seebären verbeißen, bis die tot sind. So geht das im Tierreich. Und als am Ende der Doku in einer schnell geschnittenen Sequenz die endgültige Wahrheit kommt, als Tiluda gejagt und erlegt wird, herrscht Schockstarre. Hyänen-Familie zerstört, die wissbegierige Volksschülerin am Sofa verstört. Denn selbstverständlich endet die Verniedlichung als blutiges Drama. Muss so sein, Und dass das überhaupt ein solches Drama, ein Kinderherz zerreißendes ist, liegt an der unerhörten Verharmlosung, mit der von Tierfilm-Drehbuchschreiber eine quasi-familiäre Idylle erfunden wird. Idyllen aber gibt es nicht. Es wird gefressen. In allen Richtungen. Das ist die Wahrheit, aber die ist pädagogisch offensichtlich nicht wertvoll und politisch unkorrekt. Es gab einmal Tiersendungen die hießen „Im Reich der wilden Tiere". Ein Titel als Programm. Ein Programm ohne Glättung der Natur durch Liebreden und Beschützergetue. Mit Karl May ritt man auch „Durchs wilde Kurdistan" und nicht „durch das Gebiet einer unterdrückten ethnischen Minderheit im Nahen Osten". Heute heißen Tiersendungen „hundkatzemaus", „Die „Tier-Nanny" oder „Eisbär, Affe & Co." Da wird gepflegt und gestreichelt und verhätschelt und personalisiert. Das schafft Nähe. Wurscht ist das, wenn Hunderl, Elefanterl oder Wildschweinderl überleben. Und erschütternd furchtbar ist es, wenn, wie im Western, beim Showdown einer erledigt wird, wie das halt so ist. Selbst beim Blick ins Reich der Tiere erleben wir die Ent-Realisierung der Welt. Es regiert Verschönerung der Normalität, eine Vertuschung, die nur Halbwahrheiten produziert.



Sehr geehrter Herr Flieher! Sie haben Recht, Verniedlichung und Vermenschlichung können die Sichtweise der Kinder auf die Vorgänge in der Natur verzerren. ABER: Zu keiner Zeit waren die Informationen über das Leben von Wildtieren so vielfältig und dank der Filmtechnik so einprägsam wie in den letzten, sagen wir drei Jahrzehnten. Die Einstelllung zur Natur und deren Protektion hat sich zumindest zum Positiven gewendet. Rein wissenschaftliche Sendungen, solche gibt es doch auch einige, vermeiden die etwas verzerrende Sicht ohnehin.