Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Das Kapital bin ich

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Früher kam einer ums Eck und man freute sich, weil man ihn lange nicht mehr gesehen hatte. Heute kommt eine Freundschaftsanfrage, die Facebook uns hätzbar wertvoll macht.

Der Schirm Franzi ist wieder aufgetaucht. Also nicht direkt, nicht körperlich. Nicht so ums Eck gekommen und  „Servus" und „Lange nicht mehr gesehen" und „Ja, eh gut und ein Kind hab ich auch"... So nicht. So geht das heute nicht. Heute biegt keiner ums Eck, mit dem man mal in der Schule war und den man sein gefühltes halbes Leben nicht mehr gesehen hat. Und dann, wenn er auftaucht, kommt man drauf, dass das gar nicht ein gefühltes halbes Leben her ist, sondern es ist sogar mehr als das gelebte halbe Leben her, dass der Schirm Franzi, mit dem ich in der Unterstufe war und allerhand Blödsinn getrieben habe, vom Radar des Daseins verschwand. Und jetzt ist er wieder da. Nicht der Zufall lässt uns ineinander rennen.  Nicht hinter einem Eck taucht er auf, sondern per Freundschaftsanfrage auf Facebook. Und das passiert just an dem Tag auf, an dem spekuliert wurde, was der Börsegang von Facebook bringen könnte. Zig Milliarden heißt es. Supergeschäft, sagen die einen. Blase, sagen andere. Und der Franzi und ich mittendrin. Denn der Mark Zuckerberg, der das Facebook erfand, der gibt ja zu, dass er eigentlich nichts hat außer uns. Also keine Ware, die er verkaufen kann.  Also er hat nichts Handfestes, nichts zum Essen, nichts zum Wohnen, nichts zum Anziehen. keine Autos, keine Spielsachen  oder so. Nur Information. Aber das reicht, weil mit all der Information, die Menschen da freiwillig preisgeben, lässt sich  enormes Geschäft gemacht. Da kann   je nach Nutzerprofil die ideale Werbung zurechtgebastelt werden. Individualisierte Verkaufsstrategie, könnte man sagen, wenn damit nicht das  Wort Individuum einen schrecklichen Geschmack bekäme.  Aber wer genau getroffen wird in seinen vermutlichen  Bedürfnissen, der kauft leichter. Und das lohnt sich, weil der Zuckerberg 800 Millionen Leute hat, die auf seinem Social Network verkehren, die sich dort austauschen, Fotos reinstellen,  Dinge erzählen, die meist so interessant sind, wie das berühmte Radl, das in China umfällt, aber eben auch ein Fundus sind an Angriffsflächen für Verkaufsprofis.  Und irgendwie hat das Facebook ja auch sein Gutes.  Sonst hätt' mich der Schirm Franzi ja nicht gefunden (gut, er hätte meine Eltern fragen können, wo ich bin, aber warum fragen, wenn Freundschaft anfragen auch geht). Das Kapital, beteuern Konzernbosse gern (und oft kurz bevor Personalabbau  verkündet wird), das Kapital sind die Menschen, die Mitarbeiter, die Angestellten. Das Kapital, sagt der Zuckerberg, sind die User. Also der Schirm Franzi. Und ich und die anderen. Und es reicht ja eh, dass ich mich als „User" schon schlecht charakterisiert und entindividualisert fühle, da will ich nicht auch noch die Rolle des Kapitals haben. Und vielleicht ist das ein altmodischer Gedanke, aber ich hab den Schirm Franzi dann als erstes nach seiner Telefonnummer gefragt und jetzt ruf ich ihn an und wir machen aus, dass wir uns die Tage einmal auf ein Bier zusammensetzen - von Face to Face.

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