Von GUDRUN DORINGER
Wenn Spaniens Nationalmannschaft ein Spiel vergeigt, gibt es in Barcelona ein Feuerwerk. "Die Katalanen freuen sich nicht, wenn Spanien weiterkommt in der Europameisterschaft", erzählt Cordula Roura, Sportjournalistin bei der spanischen Zeitung "Mundo Deportivo". "Sie verfolgen wohl die Spiele, aber sie hoffen und wetten darauf, dass Spanien ausscheidet."
Die Katalanen haben einen weiteren - sportlichen - Weg gefunden, auf die von ihnen ersehnte Unabhängigkeit hinzuweisen. Lange schon bemüht man sich um eine eigene Nationalmannschaft. Seit 1912 bestreitet die Provinz inoffizielle Länderspiele.
Die fehlende Einigkeit im Land wird auch am EM-Rasen deutlich. Dann nämlich, wenn die spanische Nationalhymne erklingt, alle Fußballer Spalier stehen - und die spanische Elf schweigt. Während andere Mannschaften lauthals bis gedämpft mitbrüllen, ihre Fans ihnen ein tausendfaches Echo entgegenschleudern und sich so mancher Spieler dadurch emotional aufgeladen fühlt, während also alle ihre nationale Zusammengehörigkeit besingen, fehlen den Spaniern die Worte. Es gibt keinen Text zur spanischen Hymne.
"Es ist schon komisch, wenn wir nur summen" Auf einen solchen konnte man sich bislang nicht einigen. Dabei hatte es im vergangenen Herbst einen erneuten Versuch gegeben, der Hymne einen Text aufzudrücken. Das Nationale Olympische Komitee Spaniens und die Gesellschaft spanischer Autoren und Verleger hatte einen Wettbewerb zur Suche des besten Textes ausgeschrieben. Das Vorhaben scheiterte aber kläglich wie alle Versuche vorher.
"Die Vorschläge aus Katalonien haben die spanische Zentralregierung so attackiert, dass man sie unmöglich für die Nationalhymne hätte verwenden können", erklärt Cordula Roura. So schweigen die Fußballer weiter. Sie hätten sich einen gemeinsamen Text gewünscht.
"Es wäre schön, wenn sich alle auf einen mit allen spanischen Regionen abgestimmten Text einigen könnten. Es ist schon komisch, wenn Franzosen oder Deutsche vor dem Anpfiff stolz ihre Nationalhymne mitsingen können und wir unsere nur so mitsummen", sagt etwa Iker Casillas. Der Torwart von Real Madrid ist nicht der Einzige, der so denkt. "Viele Spieler aus allen Teilen des Landes haben mir ähnliche Eindrücke übermittelt. Sie glauben, es steigere die Motivation. Mit einem Text sei man emotionaler bei der Sache", sagt Eduardo Bautista, der sich als Präsident der spanischen Autorenvereinigung beim erwähnten Wettbewerb vergeblich um den besten Text bemüht hat.
Sogar Nationalspieler aus Katalonien wie Kapitän Carles Puyol und Spielmacher Xavi können sich für die Idee einer gemeinsamen Hymne begeistern. Ein anderer hätte wohl seine Probleme damit. Oleguer Presas spielt wie auch Puyol und Xavi beim FC Barcelona und engagiert sich seit Jahren in der katalanischen Separatistenbewegung. Zur Weltmeisterschaft 2006 berief Trainer Luis Aragonés den Verteidiger in seinen Kader. Der sagte verletzungsbedingt ab. Doch hinter den Kulissen hieß es: Oleguer will einfach in kein spanisches Trikot schlüpfen. Mit dieser Entscheidung wurde er zur Symbolfigur des katalanischen Nationalismus auf den Rängen des Camp Nou in Barcelona, wo die spanische Nationalelf nur selten einläuft. "Da würden nur wenige Zuschauer kommen", sagt Cordula Roura. "Die Nationalmannschaft spielt meistens in Madrid."
Die katalanischen Fans kreiden Puyol, Xavi und fünf weiteren Nationalspielern aus Katalonien ihre Doppelrolle nicht an. "Sie wissen, dass die sieben nur im spanischen Nationaltrikot die Möglichkeit haben, auf höchstem Niveau zu spielen. Das wird akzeptiert."
Aber nur, solange sie nicht gewinnen. Dann würde der Jubel verstummen in Barcelona und alles wäre still. Wie die Nationalelf bei der Hymne.


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